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"Vollkommen unseriös": So emotional reagierte Niko Rittenau auf die Vegpool-Kritik

Niko Rittenau reagierte emotional auf das Vegpool-Statement.
Niko Rittenau reagierte emotional auf das Vegpool-Statement. Bild: Screenshot

Diese heftige Reaktion von Niko Rittenau kam für mich überraschend!

Nachdem ich einem Kommentar zu methodischen Fehlern in Videos des Ernährungswissenschaftlers und Youtube-Influencers veröffentlicht hatte, reagierten dieser und seine Freundin mit einem ganzen Schwall an Vorwürfen gegen mich als Person und Journalist...

Dabei schreckten er und seine Freundin Katharina auch nicht vor Falschbehauptungen zurück.

Damit ihr einen Durchblick behaltet, schaut euch zuerst meinen Kommentar mit Video an und dann Rittenaus Reaktions-Video. Relevante Stellen im Video habe ich in den Quellen mit Timecode verlinkt, ihr springt damit gleich zur jeweiligen Stelle.

Niko Rittenaus Reaktion auf meine Kritik gleicht dem, was man auf Youtube als "Zerstörungsvideo" bezeichnet. Angriffe auf Person und Beruf. Emotionalität, Verleumdung und Unterstellung.

Bild: Screenshot

Wie alles begann...

Eigentlich hatte alles damit begonnen, dass ich einen Artikel darüber schreiben wollte, warum Niko Rittenau seine Position über vegane Ernährung ändert. Hier mein erster Artikel dazu.

Wenn ein in der Vegan-Szene bekannter Ernährungswissenschaftler und erfolgreicher Buch-Autor auf Youtube verkündet, seine Vegan-Position verändert zu haben, dann klingt das nach neuen Erkenntnissen.

Es klingt nach Ergebnissen harter, wissenschaftlicher Arbeit, die auch für meine Leserschaft auf Vegpool interessant sein könnten!

Also habe ich angefangen, die neuen Videos anzusehen und mir Notizen zu machen.

Im Wesentlichen geht es in den von mir angesprochenen Videos um die These, dass manche Menschen auf bestimmte Tierprodukte angewiesen sein könnten.

Eine These mit Explosionskraft, die in einer ohnehin schon stark polarisierten Welt einer präzisen Einordnung bedarf.

Was mir aufgefallen ist: Niko Rittenau stützt sich zu wesentlichen Teilen auf einen Selbstversuch seiner Freundin, sowie auf anonyme Aussteigerberichte im Internet.

Immer wieder suggeriert er eine Beweiskraft, obwohl anekdotische Einzelfälle in der Ernährungswissenschaft niemals ein Beleg sein können. Um das zu wissen, muss man nicht Ernährungswissenschaften studiert haben.

Eine solche "Beweiskette" ist daher methodisch falsch. Und deshalb habe ich zunächst diesen Artikel veröffentlicht. Mein Youtube-Kommentar folgte einige Tage später.

Warum Wissenschaft Methoden braucht

Grundsätzlich arbeiten auch Wissenschaftler mit Hypothesen. Sie stellen also eine Theorie auf, die sie dann mit wissenschaftlichen Methoden abklopfen.

Es ist also nichts falsch daran, eine Arbeitshypothese aufzustellen, so lange zu jeder Zeit klar ist, dass es nichts weiter ist als das.

Die Ernährungswissenschaften sind eine "weiche Wissenschaft". Anders als z. B. in der Physik lassen sich belastbare Erkenntnisse nur mit immensem Aufwand erzielen.

Deshalb ist es so wichtig, methodisch korrekt vorzugehen, sich an die Spielregeln der Wissenschaft zu halten und auch die Grenzen der wissenschaftlichen Aussagekraft klar zu benennen - besonders gegenüber einer Laienzielgruppe.

Beispiel:
Wenn wir Kopfschmerzen haben, wäre es in der Ernährungswissenschaft methodisch falsch, sofort auf einen Mangel an Protein zu schließen und entsprechende Präparate zu empfehlen. Auch, wenn wir tatsächlich lange nichts gegessen haben und eine zeitliche Korrelation vorliegt, ist eine Kausalität nicht zwingend vorhanden - und schon gar nicht belegt.

Ursachen für Kopfschmerzen können schließlich auch in Erschöpfung, Sonnenstich, Grippe, Unfall, Vitamin B12-Mangel und unzähligen weiteren Faktoren liegen.

Zusätzlich können auch mehrere Einflüsse gleichzeitig wirken und - multifaktorell - Symptome verursachen.

Im Alltag können wir normalerweise gut mit Thesen arbeiten. Unser Bauchgefühl reicht oft aus. Wissenschaftliches Arbeiten unterscheidet sich vom alltäglichen Verhalten durch das methodische Vorgehen - und die Pflicht zum Beweis.

Um die Zahl der Störfaktoren in der Ernährungswissenschaft zumindest einzugrenzen, werden daher groß angelegte Studien mit tausenden, oft zehntausenden Teilnehmern durchgeführt. Es sind kostspielige, aufwendige Studien, die teilweise über viele Jahre oder Jahrzehnte laufen.

Solche Studien werden durchgeführt, weil andere Methoden nicht immer ausreichen. Weil ein Verdacht zwar logisch plausibel sein kann, aber deshalb immer noch kein Beleg ist. Wissenschaftler führen Ernährungsstudien also nicht aus Spaß durch, sondern aus Mangel an Alternativen.

Und es wird noch komplexer: Selbst die in Ernährungsstudien gewonnenen Erkenntnisse sind nicht immer zuverlässig!

Die sogenannte "Replikationskrise" zeigt, wie frustrierend die wissenschaftliche Arbeit in einer "weichen Wissenschaft" sein kann! Mehr dazu: Wikipedia: Replikationskrise.

Denn selbst methodisch einwandfrei durchgeführte Studien lassen sich nicht immer replizieren. Es kann also sein, dass zwei Studien mit demselben Design zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Das Problem der mangelnden Replizierbarkeit ist besonders aus der Psychologie bekannt, betrifft aber auch andere weiche Wissenschaften wie die Ernährungswissenschaft.

Wenn selbst hochqualitative wissenschaftliche Studien nicht immer verlässliche Ergebnisse liefern, dann können es unqualifizierte Einzelfallberichte im Internet erst recht nicht.

Es ist aus diesen Gründen ein grober methodischer Fehler, solche "Beweise" dennoch zu nutzen und auf deren Basis sogar indirekte Empfehlungen auszusprechen. Das habe ich in meinem Kommentar kritisiert und dazu stehe ich weiterhin.

Wissenschaft ist beweispflichtig. Und dazu gehört auch, plausible Störfaktoren so gut es geht auszuschließen.

(Auf Vorwürfe gegen Rittenau, ihm fehle wegen der Nähe zum Nahrungsergänzungsmittelhersteller Watson Nutrition die wissenschaftliche Distanz, gehe ich an dieser Stelle nicht näher ein).

Warum Aussteigerberichte nicht als Beweis taugen

Obwohl Niko Rittenau Einzelfällen und Aussteigerberichten erneut eine angebliche Evidenz (Beweiskraft) zuordnet, ist diese nicht haltbar. Warum, das möchte ich hier beispielhaft erklären.

Aussteigerberichte werden überhaupt erst relevant,

  • wenn sie systematisch und vollständig erfasst werden und einer vergleichbaren Struktur folgen,
  • wenn vor und nach dem Umstieg systematisch relevante Parameter erfasst werden,
  • wenn alle relevanten Gesundheitsfaktoren standardisiert erfasst werden (und nicht nur einzelne Symptome),
  • wenn sichergestellt ist, dass eine Person nur einen Erfahrungsbericht abgeben kann (und nicht mehrere oder gar tausende),
  • wenn es eine Kontrollgruppe gibt,
  • wenn sie in ausreichender Zahl (nach oben genannten Kriterien) vorliegen,
  • usw...

Ich möchte damit deutlich machen: Die von Niko Rittenau angeführten Erfahrungsberichte von Aussteigerberichten im Internet enthalten nicht einmal Spuren von Beweiskraft.

Die mehrfache Anspielung auf mangelnde wissenschaftliche Kompetenz halte ich für unredlich. Viel schlimmer ist doch, dass die Fehler sogar mir als Nicht-Wissenschaftler aufgefallen sind.

Obwohl Niko Rittenau diese Einzelfälle in seinem Reaktionsvideo erneut als aussagekräftig einstuft und mir zudem Ruf, Ehre und Kompetenz abspricht, bleibe ich bei meiner Kritik.

Die unsachliche Reaktion von Niko Rittenau

Die unsachliche, emotionale Ton hat mich indes überrascht. Rittenau und seine Freundin sprechen mir z. B. ab, "investigativer" Journalist zu sein [1], obwohl ich das gar nicht behaupte.

Dazu kommen wiederholte Andeutungen, ich würde aus ideologischen Motiven handeln [2] [3] [4] und Probleme klein reden [5] ([6] hier verdreht mir Rittenau den Satz im Mund) [7], hätte nicht die nötige Kompetenz [8] [9] [10] und sei zudem unehrlich [11] [12] und unprofessionell [13].

"Wenn dann plötzlich von links und rechts jede Person, die eine Plattform hat, und damit denkt, eine Meinung zu haben, ebenfalls reinredet, dann wird das ein wahnsinnig lautes und nicht mal klar zu verstehendes Rumgeschreie. Niko Rittenau [10]

Das Reaktionsvideo wirkt auf mich stellenweise aggressiv. Das Framing: Der redliche Wissenschaftler der vom fiesen Presse-Pöbel angegriffen wird...

Dass Rittenau und seine Freundin Katharina aber nicht einmal vor Falschbehauptungen zurückschrecken, hätte ich beiden nicht zugetraut!

So behauptet Katharina - mit Niko Rittenaus Zustimmung und wider besseren Wissens -, ich hätte eine Zitatfreigabevereinbarung missachtet. Ein schwerer Angriff auf meine berufliche Vertrauenswürdigkeit!

Nur wenig später sagen sie im selben Video indes, dass ich gar kein Zitat genutzt habe. [14].

Wahr ist: Ich habe gegen keine Zitatfreigabevereinbarung verstoßen. Ich habe aus Niko Rittenaus freigabepflichtiger Antwort nicht einmal zitiert.

Aus meiner Sicht handelte sich vielmehr um den Versuch, unter dem Vorwand einer Zitatfreigabevereinbarung inhaltlich Einfluss auf den Artikel nehmen. Das ist für mich tabu.

Fatal ist die öffentliche Falschbehauptung auch deshalb, weil ich als Journalist darauf angewiesen bin, dass mir meine Quellen vertrauen. Zum Beispiel Mitarbeiter aus Tierhaltungsbetrieben, die mir anonym Infos zukommen lassen.

Schon deshalb würde ich eher auf Artikel über Niko Rittenau verzichten, als meine Glaubwürdigkeit und Reputation zu gefährden ...

Auf meine Aufforderung, die Falschbehauptungen richtigzustellen, haben Niko Rittenau und Katharina bislang nicht reagiert.

Dass Niko Rittenau am Ende seines Antwort-Videos auf meine Kritik auch noch User-Kommentare zitiert, die seine Meinung bestärken, wirkt auf mich in seiner Symbolik fast schon unsittlich [15] [16].

Warum Kritik an methodischen Fehlern?

Unsere Zielgruppe auf Vegpool sind Menschen, die sich für die Vorteile einer pflanzliche(re)n, nachhaltigeren Lebensweise interessieren. Nicht als Teil einer Vegan-Szene, sondern als Teil der Gesellschaft. Wir tun als Menschheit gut daran, pflanzlich(er) zu essen.

Seit Jahren machen wir uns auf Vegpool für eine entspannte vegane Lebensweise nach dem Pareto-Prinzip stark. Heißt: So gut es im Alltag geht, ohne übertriebenen Aufwand.

Zur Zielgruppe gehören also auch Menschen, die nicht wussten, wie komplex die Ernährungswissenschaft im Detail ist - und die Videos mit schlagkräftigen Titeln und wissenschaftlichem Anstrich vorschnell für bare Münze nehmen könnten.

Wissenschaftliches Arbeiten dient uns allen

Ich möchte mich auch mit diesem Artikel erneut für wissenschaftliche Forschung aussprechen. Wissenschaftliche Methoden dienen dazu, unsere eigenen, menschlichen Schwächen zu überwinden.

Ohne die Fähigkeit, unsere eigenen Instinkte und Bauchgefühle zu reflektieren, würden wir heute noch "Hexen" verbrennen - wenn nur genug Nachbarn "Evidenz" beteuern würden. Es wären Verurteilungen nach Bauchgefühl.

Die These, dass bestimmte Menschen möglicherweise Tierprodukte brauchen könnten, ist an sich interessant. Doch es braucht wissenschaftliche Methoden, um diesen Verdacht zu belegen - oder ihn auszuräumen.

Kein Wissenschaftler steht über wissenschaftlichen Methoden. Ganz egal, aus welchen Motiven.

"Wo sind denn die Ernährungsfachkräfte die mich kritisieren? Richtig, da gibt's keine, weil es, wenn man Ernährungswissenschaftler ist, wenn man in dem Bereich wirklich fundiert arbeitet und die Datenlage kennt, gibt es da einfach keine Kritik. Im Gegenteil!" Niko Rittenau [17]

Am Ende steht für mich fest, dass auch die emotionalen Angriffe auf meine Person und meinen Job nichts an der wissenschaftlichen Beweispflicht ändern.

Die Angriffe auf meine berufliche Glaubwürdigkeit weise ich von mir. Meine sachliche Kritik an den methodischen Argumentationsfehlern halte ich weiter aufrecht.

Entwürfe dieses Artikels habe ich vor Veröffentlichung mehreren Wissenschaftlern vorgelegt, mit der Bitte, meine Ausführungen zur wissenschaftlichen Methodik zu überprüfen.

Veröffentlichung:

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Niko Rittenaus Reaktion auf Kritik an methodischen Fehlern...
Letzter Beitrag: 15.11.2023, von kilian.

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AUTOR: KILIAN DREIßIG
Vegane Lebensweise vereint Klimaschutz, Tierschutz und Lebensqualität. Gründe genug, mich als Journalist damit zu beschäftigen.

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