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Veganer trifft Milchbauern: Versuch einer Annäherung

Milchbauer (links) trifft auf Vegan-Journalist: Respektvoller Austausch möglich!
Milchbauer (links) trifft auf Vegan-Journalist: Respektvoller Austausch möglich! Bild: K/Vegpool

Ein Vegan-Journalist auf einem Bio-Milchbauernhof - kann das eigentlich gut gehen?

Wenn ich sehe, wie Molkereien mit Bildern von glücklichen Kühen für Kuhmilch aus tierquälerischer Anbindehaltung werben, dann könnte ich mich fürchterlich aufregen - und schreibe mitunter Artikel wie diesen.

Manche Milchbauern fühlen sich dann persönlich angegriffen und machen mir wiederum Vorwürfe ... Es entwickelt sich eine Eigendynamik, in der es nur darum zu gehen scheint, die eigene Meinung zu "verteidigen".

Was helfen würde: Echte Transparenz. Sich mal zusammenzusetzen und anständig über alles zu reden! Gerade wenn man nicht einer Meinung ist!

Immer wieder habe ich Einladungen von Milchbauern erhalten, doch nie kam ein offizielles Treffen zustande. Manchmal gab es Absagen, doch meist herrschte einfach Funkstille, nachdem ich Bereitschaft signalisiert hatte...

Mein bisheriger Eindruck: Die Milchwirtschaft wirbt großspurig mit Transparenz, ohne ihr Versprechen zu halten. Hier ein Beispiel von der Aktion "Hof mit Zukunft", wo ich zwei Absagen erhalten habe.

Jetzt hat es tatsächlich einmal geklappt. Auch, wenn es ganz anders lief, als geplant!

Landwirt A. aus Nordbayern hat mich eingeladen, mir seinen Betrieb anzuschauen und über alles zu reden. Auch vor der Kamera. Wir haben vorab telefoniert und bald einen Termin gefunden.

Uns beiden war klar: Es soll nicht darum gehen, uns gegenseitig zu überzeugen. Es geht vielmehr darum, die andere Sichtweise besser zu verstehen, auch wenn wir sie nicht teilen. Und es geht um Transparenz in der Sache.

Um mir alles in Ruhe anzuschauen, habe ich mir für 4 Tage eine Ferienwohnung in der Nähe gebucht.

Doch gerade als ich dort nach mehrstündiger Autofahrt angekommen bin, klingelte mein Telefon...

A. sagte, seine Frau hätte kalte Füße bekommen und wir sollten das Treffen lieber absagen.

Zum Glück konnten wir uns noch auf ein erstes Kennenlernen an einem neutralen Ort verabreden!

An einem Samstag trafen wir uns am frühen Nachmittag bei einer Autobahnraststätte. Ich war richtig nervös. Wir setzten uns an einen Tisch und sprachen bei Kaffee und Kräutertee darüber, was uns Sorgen bereitet...

Ich warte am neutralen Ort auf den Bio-Milchbauern.
Ich warte am neutralen Ort auf den Bio-Milchbauern. Bild: K/Vegpool

A. sagte, er mache sich Sorgen, dass er durch die Einladung in den Fokus radikaler Tierrechtler geraten könne, die dann nachts auf seinem Hof gehen würden.

Mir ging es ähnlich, bloß aus der gegenteiligen Perspektive. Was, wenn mir Bauern Kälberköpfe schicken, weil ihnen meine Meinung nicht passt?

Nach unserem ersten Gespräch fühlte ich mich erleichtert. Mir war der Mann sympathisch. Er hatte ungefähr mein Alter und ist Landwirt aus Leidenschaft. Wir beide machen unsere Jobs gerne, so unterschiedlich sie sind.

Nach dem Gespräch am neutralen Ort versicherte A., er wolle noch mal wohlwollend mit seiner Frau sprechen, ob ein Besuch auf dem Hof vielleicht doch noch möglich wäre.

Am Sonntag Vormittag hatte ich aber noch keine Rückmeldung erhalten. Ich wanderte ziellos durch die herbstlich goldgelbe Hügellandschaft, beschloss, wieder öfter aufs Land zu fahren. So schön hier!

Herbstliche Gegend in Oberbayern.
Wanderung statt Austausch - auch nett! Bild: K/Vegpool

Je länger ich auf Rückmeldung wartete, desto mehr Gedanken machte ich mir...

Was, wenn sich A. jetzt totstellt, bis ich entnervt abreise?

Als ich auch Mittags noch keine Antwort hatte, beschloss ich, direkt beim Hof des Milchbauern vorbeizufahren.

Meine Hoffnung: Dass ein direktes Gespräch mit ihm und seiner Frau dazu beitragen kann, die Sorgen zu überwinden. In Kombi mit einer guten Flasche Wein.

Vor seinem Hof sagte mir A., dass er immer noch keine Zusage von seiner Frau erhalten hätte. Von einem generellen Nein sei man aber schon weg. Na immerhin!

Das Gespräch war vom Ton her wieder sehr freundlich. Auf den Hof sollte ich aber trotzdem nicht.

Wirklich transparent war das bisher nicht. Es war wie ein Déjà-vu. Mit dem Unterschied, dass ich hier bereits hunderte Kilometer angereist war...

Es war frustrierend. Bewies das nicht genau meine Theorie von der intransparenten Milchwirtschaft?

Mit Sicherheit hätte ich dieses vorläufige Fazit in einem Artikel als "Beweis" für Intransparenz, Blockadehaltung und so weiter nutzen können! Doch mir ging es wirklich um einen Austausch, darum, seine Sichtweise zu verstehen.

Und das fiel mir gar nicht so schwer. A. und seine Frau waren einfach besorgt.

Ein wirklicher Austausch auf Augenhöhe findet ja kaum noch statt. Vielmehr scheint es Landwirten und Veganern oft eher darum zu gehen, sich über Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren. "Wir gegen die!"

Montag Mittag war ich an den Punkt gekommen, das Projekt als gescheitert zu betrachten. Vielleicht waren die Sorgen unüberwindbar. Vielleicht war meine Idee zu naiv.

Doch dann, kurz vor 14 Uhr, erhielt ich den Anruf: Ich kann vorbeikommen!

A. hätte zwar immer noch nicht alles mit seiner Frau klären können, wolle es nun aber auf die eigene Kappe nehmen. Es wäre nach den bisherigen Gesprächen schade, wenn ich ganz umsonst angereist wäre.

Und tatsächlich konnten wir uns dann auf seinem Hof ein paar Stunden lang austauschen.

A. zeigte mir seinen Hof und ließ mich filmen, was ich wollte. Im Anschluss tauschten wir uns vor der Kamera noch über dies und das aus.

Das Eis ist gebrochen - Milchbauer und Vegan-Journalist geben sich die Hand.
Das Eis ist gebrochen - Milchbauer und Vegan-Journalist geben sich die Hand. Bild: K/Vegpool

Die wichtigste Erkenntnis war, dass eine Annäherung zwischen Milchbauern und Vegan-Journalist einfach Zeit braucht. Mitunter mehr als gedacht!

Ich musste einige innere Hürden überwinden, um mich mit einem Milchbauern zu treffen. Und er hatte mit Sorgen zu kämpfen, dass ich ihn als Vegan-Journalist im Internet anprangern könnte.

Ich hatte A. mein Wort gegeben, dass ich seinen Namen und die Adresse des Hofes nicht nenne. Das ist für mich okay, denn es soll in meinem Report nicht um den konkreten Betrieb gehen, sondern um sachliche Transparenz und fairen Austausch.

Er hält vegane Ernährung für Luxus, der früher nicht möglich gewesen wäre. Ich halte Tierhaltung für ein veraltetes Ernährungssystem, für das Tiere leiden.

Gute Gründe, endlich mal miteinander zu reden. Respektvoll und anständig, wie sich das gehört.

Wir brauchen Transparenz, um uns eine eigene Meinung bilden zu können. Und wir brauchen Respekt auf der menschlichen Ebene, damit sie möglich wird.

Damit gewinnen alle.

Ein erster Schritt ist getan!

Für mich hat sich der kurze Austausch trotzdem gelohnt. Weitere Ergebnisse möchte ich nach und nach veröffentlichen. Holt euch den Newsletter, um auf dem Laufenden zu bleiben!

Hier geht's zur 2. Folge dieser Serie.

Bio-Milchbauer A. erklärt mir den Melkroboter.
Bio-Milchbauer A. erklärt mir den Melkroboter. Bild: K/Vegpool

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Veganer trifft Milchbauern - Versuch einer Annäherung
Letzter Beitrag: 18. Feb., von kilian.

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AUTOR: KILIAN DREIßIG
Vegane Lebensweise vereint Klimaschutz, Tierschutz und Lebensqualität. Gründe genug, mich als Journalist damit zu beschäftigen.

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