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ZDF WISO-Beitrag über Veggie-Bratwürstchen: Phrasen und inhaltliche Leere [Kommentar]

WISO-Beitrag über Veggie-Würstchen liefert Phrasen und Plattitüden.
WISO-Beitrag über Veggie-Würstchen liefert Phrasen und Plattitüden. Bild: K/Vegpool

Schon wieder ein TV-Beitrag über Fleischalternativen – und schon wieder zähe Phrasen über lange Zutatenlisten und Zusatzstoffe. Dabei liegt TV-Autor Stefan Hanf inhaltlich in mehreren Punkten falsch, sein Beitrag wirkt durch Auslassung und dramaturgische Tricks am Ende wie ein ideologisches Pamphlet gegen pflanzliche Alternativprodukte.

Ein Kommentar von Vegpool-Redakteur Kilian Dreißig.

Eines ist gewiss: Pflanzliche(re) Ernährung ist auch heute noch ein echtes Aufreger-Thema!

Manche Veganer schimpfen auf den Fleischkonsum, wegen der Folgen für die Umwelt und die Tiere. Und manche Fleischesser schimpfen über "Verbote" und "Bevormundung".

Neutralität gibt es bei dem Thema nicht. Auch nicht in den Redaktionen. Entweder man isst Fleisch, oder eben nicht.

Deshalb ist es so wichtig, sich der eigenen Vorurteile und Verzerrungen bewusst zu sein und sorgfältig zu recherchieren.

Wie es besser nicht laufen sollte, das zeigt der "ZDF WISO"-Ratgeber zu Veggie-Würstchen, der am 8.2.2024 unter Federführung von Stefan Hanf erschienen ist. Hier geht's zum Beitrag!

Veggie-Würstchen sind eine Antwort auf eine Frage, die der ZDF-Beitrag ausklammert.

Bereits als die ersten Veggie-Würstchen von Bio-Herstellern entwickelt wurden, ging es darum, eine Alternative zu Fleisch und seinen Nachteilen für Regenwälder, Tiere und das Herz-Kreislauf-System zu finden.

Fleischalternativen sind also seit jeher eine Antwort. Ihr Sinn ergibt sich zwingend aus diesem Kontrast.

Dem Autor des ZDF-WISO-Beitrags, Stefan Hanf, ist es jedoch gelungen, diesen zentralen Kernaspekt nicht einmal zu streifen.

Herausgekommen ist ein Beitrag zum Haareraufen!

Erst probieren Besucher ausgerechnet auf der Landwirtschafts-Messe "Grüne Woche" Würstchen, um zu dem Schluss zu kommen, dass man Veggie-Würstchen geschmacklich von Fleischwürstchen unterscheiden kann (oh Wunder).

Bei einem Produkt handelt es sich um Bio-Tofuwurst, die bekanntermaßen nicht wie Fleisch schmeckt. Dieses sofort erkennbare Produkt einer Zielgruppe aus der Agrar-Branche vorzusetzen, löst erwartbare Reaktionen aus.

Bei 7:28 geht es um Pflanzenöle. Einige Hersteller kaufen ihre pflanzlichen Öle offenbar auf dem Weltmarkt ein. Dazu der genauso dramatische wie faktenbefreite O-Ton: "Weite und umweltschädliche Transportwege sind da inklusive".

Wahrscheinlich hätte eine Mail an das Umweltbundesamt genügt, um sich diesen journalistischen Patzer zu ersparen. Die Experten dort hätten sicherlich erklärt, warum die Transportwege eines Lebensmittels fast keinen Einfluss auf dessen Ökobilanz haben (sofern sie auf dem Land- oder Seeweg transportiert werden). Viel wichtiger sind Anbaustandards und Veredelungsverluste.

(Mit etwas Fleiß hätte man auch selbstständig dieses PDF finden können).

Auch hier wieder: Kein Wort zur gentechnisch veränderten Futtersoja aus ehemaligen Regenwaldgebieten, die, einmal um die halbe Welt gekarrt, in deutschen Schweinemasten überwiegend zu Gülle umgewandelt wird.

Kein Wort dazu, dass Veggie-Würstchen zwar keine Alternative für globalisierte Märkte bieten, aber doch immerhin eine Alternative zur Ressourcenvernichtung in der Tierhaltung. Einfach sinnlos, diesen zentralen Kontext wegzulassen.

Aus 4 Kilo Soja wird in Intensivmast mit etwas Glück 1 Kilo Schweinefleisch. Und währenddessen leiden Menschen Hunger. Sogar das Umweltbundesamt empfiehlt seit Jahren eine pflanzliche(re) Ernährung. Hier das Statement!

Bei 8:05 geht es um Zusatzstoffe und die Länge der Zutatenliste. Erneut wird die (ur-)alte Mär durchgekaut, der zufolge eine lange Zutatenliste und Zusatzstoffe pauschal ungesund wären.

"So ein Unsinn", will man da fassungslos rufen, "zählt doch mal die Zutaten von Gemüseeintopf!"

Laut einer neueren Studie sind selbst hochverarbeitete Fleischalternativen gesünder als gedacht. Schlecht schneiden primär Fleischprodukte ab – und Softdrinks. Eine kurze Recherche hätte genügt, um das herauszufinden.

Wie passend, dass Autor Stefan Hanf mit Ernährungsexperten Sven-David Müller einen Willigen gefunden hat, der mit ernster Miene doziert, was uns sonst Facebook-Trolls voller Inbrunst unter unsere Facebook-Kommentare tippen: Dass Veggie-Produkte fast "reine Chemieprodukte" wären.

Unsere Facebook-Kritiker behaupten das übrigens auch über Produkte wie Haferdrink, die aus Wasser, Hafer, Öl und Salz bestehen. Ungeniert und ihrer Sache absolut sicher …

Filmemacher Stefan Hanf und Experten Sven-David Müller gelingt es dann sogar, den Veggie-Würstchen fehlende Nachhaltigkeit zu unterstellen, einfach aus der Annahme heraus, dass "Chemie" nicht nachhaltig wäre …

Eine Erwähnung, dass selbst ein Apfel aus Chemie besteht und man die ganze Debatte kurzerhand als Begriffs-Populismus abtun kann, hätte ich an der Stelle gar nicht erst erwartet … genauso gut hätte im Beitrag ein Pastor über das Urböse predigen können.

Dann geht Experte Sven-David Müller auf Carrageen ein, ein Verdickungsmittel aus Algen. Er weist auf Tierversuche hin, bei denen Carrageen eine Darmschädigung hervorgerufen hat.

Dass diese Tierversuche in der Regel mit einer Form von Carrageen durchgeführt wurden, die in Lebensmitteln nicht verwendet wird (und in deutlich höherer Dosierung) bleibt unerwähnt. [1] Ebenso, dass Carrageen selbst in Bio-Lebensmitteln zugelassen ist.

Zugegeben, den Carrageen-Fehler habe ich auf Vegpool auch schon gemacht, und ihn nach Leser-Hinweisen transparent korrigiert.

Ab 9:14 geht es um Schadstoffe. Dabei wird auf Mineralölrückstände getestet, die z. B. bei der Verarbeitung aus Maschinen in das Produkt übergehen können.

Jeder, der in den vergangenen Jahren Produkttests gelesen hat, weiß: Mineralölbestandteile findet man heutzutage praktisch überall. Sie sind nicht gesund und schon gar nicht gewollt, aber sie lassen sich offenbar kaum vermeiden.

Also ja, die Kritik an Mineralölbestandteilen ist berechtigt. Das ja. Billig wirkt es trotzdem. Substanzlos irgendwie, als hätte der Autor keinen spezifischeren Kritikpunkt mehr auftreiben können.

Fazit:
Veggie-Würstchen sind eine Alternative für Menschen, die den gewohnten Fleischgeschmack mögen, nicht aber die Nachteile für Tiere und Gesundheit.

Krebsrisiko, Umweltfolgen, Tierleid durch Fleisch … all die Gründe, um öfter zu Veggie-Würstchen zu greifen, spielen im ZDF-Beitrag jedoch keine Rolle. Der Autor pickt sich Aspekte heraus, in denen die Würstchen vordergründig deshalb so schlecht abschneiden, weil der Vergleich fehlt.

"Das kann man wegschneiden", hätte mein damaliger Dozent an der Journalistenschule angesichts der inhaltlichen Leere vielleicht gesagt.

Danke für nichts, liebes ZDF und diejenigen, die dieses skurrile Erzeugnis tatsächlich durchgewinkt haben.

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Letzter Beitrag: 12. Feb., von BeaNeu.

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AUTOR: KILIAN DREIßIG
Vegane Lebensweise vereint Klimaschutz, Tierschutz und Lebensqualität. Gründe genug, mich als Journalist damit zu beschäftigen.

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