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Fake-News: Agrar-Medien verbreiten Falschinformationen über Methan aus Rinderhaltung

Die Klimakrise gefährdet auch die deutsche Landwirtschaft - doch Agrar-Medien verbreiten Fake-News. Bild: pixabay.com

Methangase aus der Haltung von Wiederkäuern (wie Rindern) gehören zu den wichtigsten Ursachen der Klimakrise.

Das Gas wird von Rindern und anderen Wiederkäuern ausgestoßen, beschleunigt die Erderwärmung und erhöht das Risiko für das Auftreten unumkehrbarer Dominoeffekte, für Dürren und Hungersnöte, wie sie schon heute in vielen Teilen der Erde auftreten.

Weltweit stoßen die vielen Millionen Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen und Co) so viel Methan aus, dass der Weltklimarat (IPCC) auf dieses Problem in seinem 6. Sachstandbericht von 2023 erneut eingeht und auf den dringenden Handlungsbedarf hinweist.

Wegen ihrer Arbeit in der Natur sind landwirtschaftliche Betriebe direkt von den Folgen der Klimakrise betroffen. Man könnte daher meinen, die Landwirte hätten ein besonders großes Interesse daran, das Klima zu schützen.

Und man könnte meinen, dass landwirtschaftliche Fachmedien die Informationen der internationalen Klimaforschung verständlich aufbereiten und als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis fungieren.

Damit auch Menschen ohne Doktortitel verstehen können, wie gefährlich die Situation ist und was die Gründe sind - und sich auf die notwendigen Veränderungen einstellen können.

Doch darin versagen die größten Agrar-Medien derzeit auf ganzer Linie. Statt fundierter Informationen werden dort mitunter Fehlinformationen veröffentlicht, die bei Lesern aus der Landwirtschaft falsche Hoffnungen wecken und von der Dramatik der Forschungsergebnisse ablenken.

"Klimabericht: Kühe sind weniger klimaschädlich als angenommen", so lautete die Überschrift eines Artikels der Autorin Anke Reimink in "Top Agrar" vom 31.5.2023. [1]

Autor Markus Pahlke titelt auf Agrarheute.com gar: "Rinder verursachen deutlich weniger Kohlendioxid als bisher angenommen". [2] Im Artikel geht Pahlke jedoch auf Methan-Emissionen ein.

Beide Kernaussagen sind falsch.

Um die Verdrehungen und Falschdeutungen in den Artikeln der Kollegen aus den Agrar-Redaktionen aufzuzeigen und richtigzustellen, habe ich einzelne Behauptungen aus den Artikeln mit dem gegenwärtige Sachstandbericht des IPCC vergleichen.

Und da ich kein Klimaforscher bin, habe ich mich für etwas Unterstützung an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gewendet, den deutschen Ansprechpartner für Fragen zum IPCC. Herzlichen Dank an dieser Stelle!

Im ihrem inhaltlich falschen Artikel auf "Top Agrar" schreibt Autorin Reimink:

"Die bisherige Berechnungsmethode des globalen Erwärmungspotentials (GWP) von Methan werde von den Autoren [des IPCC, Anm. d. Red.] in Frage gestellt. Das globale Temperaturänderungspotential (GTP) sei eine bessere Methode zur Berechnung des Einflusses von Methan im Verhältnis zu CO2 auf das Klima." "Top Agrar", Anke Reimink, 31. Mai 2023

In Wahrheit stehen GWP ("Global Warming Potential") und GPT ("Global Temperature-change Potential") einfach für unterschiedliche Metriken. Man misst eine Geschwindigkeit ja auch nicht in Kilo. Eine Metrik ist in dem Zusammenhang also nicht besser als die andere.

Entgegen der Formulierung im Artikel bevorzugt der IPCC auch keine Metrik und weist in Kapitel 7.6 des aktuellen Sachstandberichts darauf hin, dass die Gesetzgeber im jeweiligen Kontext selbst entscheiden sollen, wie sie die Metriken nutzen.

Die Metriken GWP und GPT sind allerdings deutlich komplexer als die Maßeinheiten, die wir als Verbraucher im Alltag nutzen. Sie hängen von vielen verschiedenen Einflussfaktoren ab. Dabei spielen auch Rückkopplungseffekte eine Rolle, aber auch verbesserte Berechnungsmethoden. Deshalb verändern sich die Variablen von Bericht zu Bericht immer ein wenig. (Details dazu findet man im 6. Sachstandsbericht des IPCC im Kapitel 7.6.1).

Richtig ist, dass sich die Werte für GWP-100 zwischen den einzelnen Sachstandsberichten unterscheiden. Im aktuellen Sachstandsbericht wird der GWP-100 mit 27,0 angegeben, während er im 5. Sachstandsbericht von 2013 bei GWP-100 = 34 lag. Und der TWP-100 wird heute mit 4,7 ± 2,9 (im Vergleich zu vorher GTP-100 = 11) angegeben.

Diese Werte sind etwas niedriger als im 5. Sachstandsbericht, liegen aber in derselben Größenordnung. Von "deutlich weniger" bzw. "weniger klimaschädlich" kann keine Rede sein.

Aus diesen minimalen Veränderungen auf eine grundsätzlich veränderte Sichtweise oder gar einen "Irrtum" zu schließen, ist schlich falsch und grenzt an Tatsachenverdrehung. Das mag den Tierhaltern unter den Lesern ein erleichtertes Seufzen entlocken, führt sie aber zugleich in die Irre.

Der Stil der erwähnten Artikel erinnert mich stellenweise an Gesinnungs-Journalismus, mit dem Ziel einer möglichst großen Reichweite. Als angebliche "Beleg", dass Rinderhaltung doch kein "Klimakiller" sei. Über so einen Fall bin ich erst auf das Thema aufmerksam geworden.

Doch die Erkenntnisse aus der Klimaforschung sprechen eine andere Sprache.

Der Beitrag von Arbeitsgruppe III des IPCC zeigt, dass die Methanemissionen aus dem AFOLU-Sektor weiter steigen.[3] Die Abkürzung AFOLU steht dabei für "Agriculture, Forestry, Other Land Uses, and Food Systems", also für Landwirtschaft, Forst, sonstige Landnutzung und Ernährungssysteme.

"Die CH4-Emissionen von AFOLU nehmen weiter zu, wobei die Hauptquelle die enterische Fermentation von Wiederkäuern ist". (Übersetzung von uns). IPCC, Technical Summary, S. 107 [4]

Zusammenfassend kann man also sagen:

  • Rinderhaltung gehört nach wie vor zu den global klimaschädlichsten Industriezweigen,
  • der IPCC und der Beitrag der Arbeitsgruppe III warnt explizit vor den Klimafolgen der globalen Haltung von Wiederkäuern,
  • Behauptungen, Rinderhaltung wäre nicht oder wenig klimaschädlich entpuppen sich mal wieder als Fehlinformationen bzw. Fake-News.
  • Agrar-Medien nehmen es bis heute offenbar nicht so ernst mit Informationen, die die Klima-Einflüsse der globalen Tierhaltung wissenschaftlich aufzeigen. Und das, wo bereits heute viele Landwirte direkt von den Folgen der Klimakrise betroffen sind.

Die kurze Hoffnung auf eine Verschnaufpause wird sich für die Agrar-Industrie als Bumerang erweisen. Wer es heute versäumt, sich auf die Folgen des Klimawandels einzustellen, wird morgen darunter leiden. Gerade die Landwirte.

Die Art und Weise, wie in den Agrar-Redaktionen offenbar mit Klimaschutz umgegangen wird, ist für mich jedenfalls schwer verständlich. Diese Behauptungen lassen sich schwer widerlegen - schließlich erfordert das eine intensive Beschäftigung mit der Materie. Umso gefährlicher ist es, diese Art Fake-News zu publizieren.

Für Landwirte, die sich mit den Tatsachen auseinandersetzen möchte, stellt das Science Media Center Statements von Fachleuten bereit. Darin geht es auch um die Frage, wie sich Methanemissionen in der Landwirtschaft reduzieren lassen.

Dort heißt es unter anderem:

"In der Viehwirtschaft ist es viel schwieriger, eine rasche Reduzierung der Emissionen zu erreichen. Etwa 80 Prozent dieser Emissionen stammen aus der enterischen Fermentation [...] und können nur durch eine Verringerung der Tierbestände erheblich reduziert werden können (sic!). Das wiederum würde eine geringere Nachfrage nach Fleisch und Milch voraussetzen." Science Media Center, "Strategien zum Verringern von Methanemissionen", 25.11.2021. [5]

Veröffentlichung:

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Letzter Beitrag: 11.07.2023, von Sunjo.

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AUTOR: KILIAN DREIßIG
Vegane Lebensweise vereint Klimaschutz, Tierschutz und Lebensqualität. Gründe genug, mich als Journalist damit zu beschäftigen.

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