Naturland: Weniger Kraftfutter für Milchkühe - Fragen bleiben offen

Tiere in der Nutztierhaltung fressen nicht nur eine Menge Futter - sie scheiden auch den größten Teil davon wieder aus.
Landwirte sprechen hier vornehm von "Veredelungsverlusten". Umweltschützer nennen es einfach Ressourcenverschwendung.
Denn ein Großteil der Anbauflächen, auf denen heute Futtermittel produziert werden, ließen sich auch direkt für die menschliche Ernährung nutzen. Die Tierhaltung steht daher in "Nahrungskonkurrenz" zum Menschen.
Während immer noch Menschen verhungern, werden Tiere hierzulande mit Mais, Weizen, Gerste und Co gemästet.
Das Wort "Veredelungsverluste" ist für viele Tierhalter ein Reizwort - denn der Begriff steht für ein Grundproblem ihrer Branche. Ein Problem, das sich nicht so einfach aus der Welt schaffen lässt.
Tierhaltung ist immer mit Veredelungsverlusten verbunden. Deshalb sprechen Kritiker von einem veralteten Ernährungssystem.
Früher mögen bestimmte Formen der Tierhaltung nötig gewesen sein, um das Überleben der Menschen zu sichern. Heute stehen effizientere Methoden zur Verfügung, um natürliche Rohstoffe zu hochwertigen pflanzlichen Nahrungsmitteln zu veredeln.
Mit anderen Worten: Tierhaltung ist für die menschliche Ernährung weitgehend obsolet geworden. Die Ernährung der Zukunft ist pflanzlich(er).
Früher oder später wird sich daher auch für Tierhalter die Frage stellen: Steigen wir rechtzeitig aus der Tierhaltung aus - oder werden wir von den Bedingungen dazu gezwungen? Change by design or change by disaster?
Naturland will Veredelungsverluste in der Milchviehhaltung zumindest reduzieren.
Der Bio-Anbauverband Naturland möchte jetzt einen Schritt gehen, um zumindest die Milchkuhhaltung etwas nachhaltiger zu machen!
Ab 2024 dürfen Milchbetriebe mit dem Naturland-Siegel nur noch 20% Kraftfutter pro Jahr an Milchkühe verfüttern - sofern es sich um Futtermittel handelt, die in Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehen.
Im Bio-Bereich sind sonst bis zu 40% erlaubt.
"Indem wir unnötige Nahrungskonkurrenz vermeiden, stärken wir die Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit der Naturland-Milchviehhaltung", so Naturland-Präsident Hubert Heigl in einer Pressemitteilung.

Unerwähnt bleibt, dass Kuhmilch-Produkte für die menschliche Ernährung keineswegs "notwendig" sind. Sie sind Genussmittel. Nach dem Säuglingsalter benötigen Menschen sogar überhaupt keine Milch mehr.
Zudem gibt es eine Ausnahme: Wenn die Futtermittel nicht in Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehen, dürfen weiterhin bis zu 40% gegeben werden. Dazu gehören z. B. Ölpresskuchen, Rückstände aus der Bierherstellung oder Kleie, die ohnehin in vielen Betrieben bereits verfüttert werden.
Trotzdem zeigt die Meldung von Naturland, dass der Verband erkannt hat, wie gefährlich die Veredelungsverluste der Tierhaltung für die globalen Ernährungssysteme sind - und am Ende auch für die eigenen Mitglieder.
Die meisten Agrar-Verbände scheinen dieses Problem augenscheinlich aussitzen zu wollen.
Die Veredelungsverluste zu reduzieren ist indes auch keine dauerhafte Lösung. Denn nicht nur beim Futter stehen die Tiere in Konkurrenz zum Menschen - sondern auch beim Trinkwasser.
Grundsätzlich ist es also ein richtiger Schritt, die Veredelungsverluste zu reduzieren. Wesentliche Grundprobleme der Tierhaltung bleiben aber weiter bestehen.
Und auch weiterhin bleiben wichtige ethische Fragen ungelöst - auch bei Naturland.
So landen z. B. die meisten Bio-Kälbchen in der konventionellen Mast, in der die Bio-Richtlinien nicht gelten. Einfach, weil es zu wenig Nachfrage für Bio-Kalbfleisch gibt. Ohne Kalb aber keine Kuhmilch.
Während Bio-Verbände also gerne mit Tierschutz werben, arbeiten sie in Wahrheit eng mit konventionellen Mästern zusammen, wo die Tiere in Windeseile und unter niedrigsten Standards auf "Schlachtreife" gebracht werden. Mehr Hintergründe dazu.
Veröffentlichung:
Autor: Kilian Dreißig