Faktencheck: Enthält Kuhmilch wirklich Eiter?

Stimmt es, dass Kuhmilch Eiter enthält? Bild: Fotolia.com

Klingt nach einem Ekel-Faktor: Kuhmilch soll Eiter aus entzündeten Eutern enthalten. Und der steckt in Joghurt, Quark und Milchschokolade...

Besonders aber in Käse, wegen der Konzentration der Milch.

Eine solche Aussage kann einem schon den Appetit verderben – wer isst schon gerne Eiter aus entzündeten Kuh-Zitzen?

Doch ist wirklich etwas wahr am Gerücht über Eiter in der Kuhmilch?

Wir machen den Faktencheck anhand öffentlich verfügbarer, von uns unabhängiger Quellen. Ihr könnt also sämtliche Quellen selbst überprüfen. Stand des Artikels ist der 26.11.2022.

Die wichtigsten Fakten vorab:

  • Jeder Liter Kuhmilch enthält Spuren von Eiter. Gefährlich ist das nicht, da Kuhmilch vor dem Verkauf denaturiert wird.
  • Bei Eiter handelt es sich um eine Mischung aus körpereigenen Zellen, Erregerzellen und Gewebe.
  • Eiter in Kuhmilch stammt in der Regel aus entzündeten Eutern (Mastitis), eine der häufigsten Erkrankungen in Milchbetrieben.

Was ist eigentlich Eiter?

Wenn ein Erreger in den Körper eines Säugetieres eindringt, beginnen die körpereigenen Abwehrzellen (Leukozyten) ihn anzugreifen und "aufzufressen". Damit versucht der Körper, den Eindringling unschädlich zu machen - und zwar meist sehr erfolgreich. Dieser Vorgang wird als Phagozytose bezeichnet.


Bei einer starken Infektion und übermäßiger Phagozytose verklumpen die aktivierten Abwehrzellen – und werden als Eiter sichtbar [1][2]. Es kann zum Beispiel an einer entzündeten Wunde ein Ausfluss entstehen. "Eiter" ist dabei der Laien-Begriff. In der Medizin spricht man von "Pus" [3].

Melkstand
Melkstand in einem Milchbetrieb. Bild: Felagund

Eiter ist also ein Mix aus Erregerzellen und Abwehrzellen. In der Lebensmittelkontrolle werden Erreger- und körpereigene Zellen getrennt analysiert – eine Messung von Eiter an sich erfolgt also nicht.


Auch bei der Kontrolle von Kuhmilch wird nicht explizit auf "Eiter" untersucht. Jedoch lässt die Zahl der Erreger- und Abwehrzellen Rückschlüsse auf Eiter zu.

Gesundheitlich relevant sind die Erreger [4]. Wichtig: Eiter in Kuhmilch bedeutet weder, dass die Milch schädlich sei, noch, dass sie gesund sei. Und: Auch ohne Eiterbildung können Erreger in Kuhmilch enthalten sein.

Eiter in Kuhmilch bedeutet also in erster Linie nur, dass es offenbar Entzündungen im Kuhstall gibt.

Eiter enthält sowohl körpereigene Abwehr-Zellen ("somatische Zellen" = körpereigene Zellen), als auch Erreger. Sie werden in Labors getrennt ermittelt.

In großen Ställen mit 50, 100 oder sogar 1.000 Rindern ist es normal, dass die Tiere in Berührung mit ihrem Kot kommen. Das Risiko einer Infektion - und einer eiterigen Entzündung - ist daher in der modernen Tierhaltung erhöht. [5]

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Konkrete Zahlen über die Verbreitung von Mastitis lassen sich zwar schwer finden. In Hessen war Mastitis im Jahr 1996 jedoch mit 19,4% die zweithäufigste Abgangsursache für Milchkühe. "Abgang" bedeutet, dass die Tiere gestorben sind. [6]

Ein Kalb trinkt bei seiner Mutter
Ein Kalb trinkt bei seiner Mutter Bild: pixabay.com

Infektion durch Melken

Durch das maschinelle Melken können Verletzungen am Euter auftreten. Über kleine Wunden können Erreger ins Euter eindringen. Dies kann zu einer so genannten Mastitis, also Euterentzündung, führen – in manchen Fällen mit hohem Fieber und sichtbarem Eiter-Austritt.

Manche Rinder verlieren durch Entzündungen sogar ganze Euter-Viertel (Landwirte sprechen hier von "Strichen"). Bei einer "dreistrichigen" Kuh ist ein Euterviertel abgestorben. In der Regel nach einer intensiven, langfristigen und nicht angemessen behandelten Entzündung.

Eine beginnende Mastitis ist für den Milchwirt nicht immer sofort erkennbar, so dass vielfach auch Kühe mit einer versteckten Mastitis ("subklinische Mastitis" [7]) gemolken werden und große Mengen an Erregern – wenn auch nicht zwingend in Form von Eiter – in den Milchtank gelangen.


Um einer Euterentzündung vorzubeugen oder diese zu behandeln, verwenden Milchwirte Desinfektionsmittel, oft auch Antibiotika, und sind bedacht auf hohe, hygienische Standards. Die Behandlung erfolgt stets unter Abwägung der Wirtschaftlichkeit.

Der Grund: Eine zu hohe Keimbelastung, die durch die so genannte Milch-Güteverordnung festgelegt wird, kann negativen Einfluss auf den Milchpreis haben.

Durch eine tierärztliche Untersuchung kann eine Mastitis erkannt und die Kuh entsprechend behandelt werden. Allerdings wird die durchschnittliche Keimmenge standardmäßig nicht pro Tier gemessen.

Zum Einsatz kommt vielmehr ein "geometrisches Mittel" über mehrere Monate, so dass eine einzelne an Mastitis erkrankte Kuh nicht unbedingt auffällt. Selbst dann, wenn aufgrund einer Entzündung Eiter aus ihrem Euter austritt und in den Milchtank gelangt


Kuhmilch muss in Deutschland vor dem Verkauf pasteurisiert werden. Eine Ausnahme gilt für so genannte Vorzugsmilch. Durch die Erhitzung werden Bakterien und viele Erreger abgetötet, so dass die Gefahr einer Infektion durch den Milch-Konsum unwahrscheinlich ist.

Eiter wird dadurch jedoch nicht aufgelöst oder entfernt, sondern nur inaktiviert. Auch pasteurisierte Milch enthält Spuren von Eiter.

Eiter in der Milch? Die Milch-Güteverordnung regelt's

Erreger unter dem Elektronenmikroskop
Erreger unter dem Elektronenmikroskop Bild: NIAID Bildtitel: Staphylococcus aureus Bacteria, CC-BY

Die Milch-Güteverordnung, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erlassen wird, definiert Qualitätsklassen für Kuhmilch. Zur Klassifizierung werden regelmäßig Keimzahlen, Hemmstoffe (zum Beispiel Medikamente), "somatische Zellen" (siehe oben), sowie weitere Werte in der Milch ermittelt. Für höhere Qualität erhält der Milchwirt von der Molkerei mehr Geld [8].

In Milch der Klasse 1 dürfen gemäß der Milchgüteverordnung (MilchGütV) 1980 (letzte Änderung: 2010 [9]) 100.000 Keime pro ccm Kuhmilch (bei 30° Celsius) enthalten sein. Wenn bei der Kontrolle mehr Keime gefunden werden, bekommt die Milch die Klasse 2. [10][11]

Bei somatischen Zellen, zu denen auch die körpereigenen Abwehrzellen des Eiters gehören, liegt der Grenzwert bei 400.000 pro ccm – also das Vierfache der Erregerzellen - und zwar über alle Qualitätsklassen hinweg. [12]

Der physiologische Normalwertbereich liegt dabei rasseunabhängig bei 20.000 bis maximal 100.000 Zellen/ml Milch. [13]

Die Kontrollen müssen vom Milcherzeuger zweimal im Monat durchgeführt werden. [11]

Auch wenn die Grenzwerte streng sind und die Milch vor dem Verkauf pasteurisiert wird, kann man davon ausgehen, dass jeder Liter Kuhmilch Spuren von Eiter enthält. Das ist nicht unbedingt gesundheitsschädlich.

Die Antwort auf die Frage, ob Kuhmilch Eiter enthält lautet daher: "In den meisten Fällen schon".

Dass der WDR einen eigenen "Faktencheck" zu Eiter in Kuhmilch mit dem Ergebnis "unbelegt" veröffentlicht hat [14], ändert an der ziemlich deutlichen Faktenlage leider auch nichts.

Eiter in Kuhmilch? 3 unbewiesene Behauptungen!

Zusätzlich zu den oben genannten und durch externe Quellen gestützten Informationen gibt es weitere Behauptungen über Eiter in Kuhmilch, die sich schwer belegen lassen. Dazu zählen diese:

  • Behauptung: "Manche Landwirte "verdünnen" besonders stark belastete Milch mit weniger stark belasteter Milch (ggf. auch von Nachbarbetrieben), um die durchschnittliche Keimzahl zu verringern." Faktencheck: Hier sind keine statistischen Untersuchungen vorhanden, da ein solches Vorgehen an der Grenze zur Kriminalität wäre.
  • Behauptung: "Jeder Milchbetrieb in Deutschland hat Probleme mit Mastitis". Faktencheck: Nicht nachweisbar, da hierzu jeder einzelne Betrieb überprüft werden müsste.
  • Behauptung: "Relevant ist nur die Zahl der Keimzellen zum Zeitpunkt der Milchabgabe in der Molkerei, nicht aber die Zahl der Keime zum Zeitpunkt des Verkaufs (Vermehrung von Keimen)." Faktencheck: Das ist korrekt.

Haferdrink ist übrigens eine klimafreundliche Milchalternative. Erfahrt hier die Vorteile von Hafermilch gegenüber Kuhmilch.

Der Artikel wurde am 26.11.2022 überarbeitet und aktualisiert.

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Kilian Dreißig
KILIAN DREIßIG
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Eiter in Kuhmilch
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Letzter Beitrag: 27.11.2022, 13:05 Uhr


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Schlagworte: gut zu wissen Milch Hintergründe


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