ARD-Doku „Hormonfalle Soja?“: Panikmache statt Aufklärung? [Kommentar]

Die ARD-Dokumentation „Hormonfalle Soja? – Licht und Schatten des Vegan-Booms“ (alpha-online) kommt inhaltlich zum Ergebnis: Soja gilt nach heutigem Stand der Wissenschaft als gesundes und umweltfreundliches Lebensmittel. [1]
Doch die Macher der Doku scheinen gegen diese Botschaft regelrecht anzukämpfen.
Über weite Strecken werden Zweifel inszeniert und Vorurteile gewälzt, die der Film erst später wieder relativiert und gerade rückt. Immer wieder werden reißerische Fragen angesprochen:
- Kann Soja Brustkrebs fördern?
- Können Männer durch Soja „verweiblichen“?
- Bringt Soja den Hormonhaushalt durcheinander?
- Brennen Urwälder für den Anbau von Soja?

Immer wieder arbeitet sich die Dokumentation bildreich an Befürchtungen und Vorurteilen über Soja ab – um anschließend durch Experten einräumen zu lassen, warum sie für Soja in der menschlichen Ernährung nicht zutreffen.
Immer wieder bleibt unklar, ob gerade die Rede von Soja für die menschliche Ernährung ist, oder von Tierfutter. Ob es um (isolierte) Isoflavone geht, die man als Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, oder um normale Lebensmittel aus der Sojabohne.

Besonders irritierend ist die Rolle von „Nutritionistin“ Caroline Bienert.
Während mehrere Mediziner und Wissenschaftler im Film erklären, warum Soja so gut für die Gesundheit und den Schutz der Umwelt ist, bleibt unklar, warum Bienerts Aussagen ein ähnliches Gewicht erhalten.
Auf ihrer Website werden unter anderem Ausbildungen in orthomolekularer Medizin, Ayurveda und Homöopathie angegeben. Keine dieser Richtungen gehört zu den naturwissenschaftlich anerkannten medizinischen Fachgebieten.

Trotzdem verzichtet die Doku auf eine entsprechende Einordnung.
So darf Bienert etwa dramatisch erklären, dass Asiaten anders verdauen würden als Europäer. Das ist blanker Unsinn, wurde jedoch im Schnitt behalten. Schwer erträglich.
Dieses dramaturgische Muster wiederholt sich mehrfach: Erst Gerüchte und Vorurteile verbreiten – um dann halbherzig und vage einzugestehen, dass es so schlimm nicht ist.

Dadurch entsteht im Film eine Schere: Der Kopf sagt: Ihr könnt beruhigt Soja essen. Der Bauch sagt: Achtung, Achtung!
Es könnte kaum absurder sein, wenn man mit denselben Stilmitteln eine Doku über die „Hormonfalle Kartoffel“ drehen würde.
Und ja: Kartoffeln enthalten ebenfalls pflanzliche Hormone. Wie alle Pflanzen.
Am Ende darf „Nutritionistin“ Bienert die wachsende Vorliebe für Sojaprodukte noch als „Trend“ darstellen – und dabei einfach ignorieren, dass Milliarden Menschen in Asien seit Urzeiten Sojaprodukte verzehren.

Fazit:
Die Doku „Hormonfalle Soja“ von Bernhard Hain ist ein gefundenes Fressen für postfaktische Bauchgefühl-Debatten rund um Soja.
Denn obwohl der Film viele verbreitete Soja-Mythen letztlich widerlegt, trägt er über weite Strecken selbst dazu bei, sie weiterzuverbreiten.
So finanzieren unsere Rundfunkbeiträge die Verbreitung von Unsinn über Soja, während wir als kleine Redaktion ohne dieses Budget besorgten Lesern erklären müssen, warum die Sorgen unbegründet sind.
Veröffentlichung:
Autor: Kilian Dreißig



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