Abmahnungen der Tierindustrie: das bedeuten sie für Vegpool!

Wir haben eine Abmahnung erhalten. Schon wieder. Von einem Betrieb, über den wir kritisch berichtet hatten. Als Betreiber von Vegpool bin ich adressiert.
Zum Glück sind Abmahnungen bislang selten. Die Menschen besuchen Vegpool, weil sie uns vertrauen, dass wir sorgfältig arbeiten. Dieses Vertrauen ist unser Kapital. Journalistische Sorgfalt ist zugleich die beste Versicherung gegen Angriffe wie diesen. → Unser Leitbild.
Wir wissen, dass auch Menschen mitlesen, die Auseinandersetzungen nicht inhaltlich, sondern juristisch führen. Sie wollen die Debatte nicht gewinnen, sondern verhindern.
Abmahnungen sind in Zeiten, in denen sich Unternehmen der Tierindustrie vor der Öffentlichkeit abschotten, ein gängiges Mittel geworden. Ein Instrument, das auch wir als Redaktion ernstnehmen müssen.
Juristische Angriffe zeigen aber auch: Diese Arbeit wirkt!
Keine Reaktion ohne spezialisierten Anwalt
Juristische Angriffe machen Angst. Sie treffen eine kleine Redaktion. Wir verzichten auf Paywalls und Abos. Wir wollen die guten Gründe für eine pflanzliche(re) Ernährung bekannter machen – und nicht hinter Bezahlschranken einsperren.
Artikel über Missstände lassen sich nicht als Werbeflächen verkaufen. Wenn wir über Fälle von Tierquälerei berichten, dann geht es um das Thema selbst. Ob über das Leid von Tieren in Deutschland berichtet werden sollte, ist keine Randfrage. Genau deshalb tun wir es.
Juristische Angriffe treffen kleine, unabhängige Redaktionen besonders hart. Dass wir diese Arbeit leisten können, liegt auch daran, dass viele Leserinnen und Leser Vegpool bewusst unterstützen.
Weil die Gefahr von juristischen Angriffen in letzter Zeit wächst, habe ich schon vor längerer Zeit eine Entscheidung getroffen: Auf juristische Drohungen reagiere ich niemals spontan und niemals allein. Jede Abmahnung wird grundsätzlich von einem spezialisierten Anwalt bewertet.
Erst nach der juristischen Beurteilung entscheiden wir, ob ein angegriffener Artikel unverändert wieder online geht, ob er angepasst wird oder dauerhaft offline bleibt.
Wenn jede Drohung automatisch dazu führen würde, dass kritische Artikel für immer verschwinden – selbst dann, wenn sie presserechtlich sauber sind –, wäre eine öffentliche Debatte faktisch unmöglich. Wir könnten einpacken.
Strukturelle Benachteiligung
Tierhaltungsbetriebe werben selbst dann mit Tierwohl, wenn sie besonders qualvolle Haltungsmethoden anwenden. Es drohen keine Konsequenzen. Und weil sie sich mit Verweis aufs Hausrecht vor der Öffentlichkeit abschotten können, wird kein Kunde je davon erfahren.
Wenn Medien jedoch heimlich aufgezeichnete Bilder aus einem solchen Betrieb veröffentlichen, müssen sie lückenlos nachweisen, dass die Vorwürfe stimmen. Sonst drohen horrende Strafen wegen Rufschädigung und Co.
Diese Asymmetrie prägt die öffentliche Debatte. Sie behindert sie.
Die Tierindustrie genießt einen Vorschuss an staatlichem Vertrauen. Selbst nach 30 Jahren, in denen sich ein Skandal an den anderen reiht, gibt es keine staatlichen Kontrollen, die Tierquälerei zuverlässig verhindern könnten.
Verbraucher müssen davon ausgehen, dass Tierprodukte aus den niedrigsten Standards kommen. Dabei steht der Tierschutz in unserem Grundgesetz.
Kritische Berichterstattung hingegen muss jeden Satz absichern, belegen und rechtlich mitdenken. Bei jedem Satz schaut im Kopf bereits der Anwalt zu.
Selbstkritisch und mit Respekt vor der Glaubwürdigkeit
Umso wichtiger ist es, die Spielräume zu erhalten, die da sind. Abmahnungen nicht einfach zu schlucken.
Wenn wir bei jeder Abmahnung reflexartig zurückziehen, kommen nur noch mehr Abmahnungen. Wir haben schließlich über 2.000 Artikel online!
Wir müssen jede juristische Drohung grundsätzlich von spezialisierten Fachleuten prüfen lassen.
Am Ende blieben sonst nur unverfängliche Inhalte übrig.
Bei Vegpool gilt der Grundsatz, Fehler so gut es geht zu vermeiden und, falls sie doch geschehen, transparent zu korrigieren. Doch das bedeutet nicht, dass man auf Artikel verzichtet, nur weil sie riskant sind.
Wir haben Respekt vor den unfairen, juristischen Mitteln der Tierindustrie. Wir bleiben selbstkritisch, weil auch unangenehme Kritik berechtigt sein kann.
Doch wir lassen uns nicht von Kostenandrohungen leiten. Eine informierte Debatte ist notwendig. Und wenn sie riskant ist, gehen wir das Risiko ein.
Danke an alle, die uns den Rücken stärken.
Veröffentlichung:
Autor: Kilian Dreißig

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