Warum ich als Veganer (manchmal) neidisch auf Fleischesser bin

Als Veganer bin ich manchmal neidisch auf die Unbekümmertheit mancher Mitmenschen.
Als Veganer bin ich manchmal neidisch auf die Unbekümmertheit mancher Mitmenschen. Bild: K/Vegpool / Pixabay.com (Kombi) (bearb.)

Es ist Klimakrise. Wälder brennen, Ernten verdorren, Menschen sterben bei Überschwemmungen. "Schrecklich. Ganz schrecklich. Schatz, kannst du die Rippchen schon mal auftauen?"

Für manche Menschen scheint es kein Morgen zu geben. Keinen Darmkrebs. Keine Zusammenhänge. Nur das Hier und Jetzt - und der Bedarf nach dem nächsten Zuckerschock.

Ich lebe seit zwanzig Jahren vegan und gebe zu: Manchmal bin ich ein bisschen neidisch auf diese Unbekümmertheit.

Der Neid meldet sich, wenn es in der Waffelbude zwar vegane Waffeln mit veganer Schlagsahne gibt, aber die Schokosoße Kuhmilch enthält. Wenn die Eisdiele wieder nur langweiliges Zitronen-Sorbet führt. Wenn man immer ständig nachfragen muss, weil eine "Vegan"-Kennzeichnung immer noch nicht selbstverständlich ist.

Neid ist eines der Gefühle, über die man nicht gerne spricht. Manchmal denken wir, wir müssten uns nur mehr anstrengen, um nicht mehr neidisch zu sein. Weil wir uns dann alle Wünsche einfach erfüllen könnten.


Ich glaube, es ist komplizierter. Denn ich bin zwar manchmal ein bisschen neidisch, möchte daran aber gar nichts ändern.

Meine Phasen von Neid beziehen sich nicht auf den Konsum selbst. Fleischessen finde ich vulgär. Bei Milch und Eiern ist es ähnlich. Das dominierende Gefühl ist hier Ekel.

Neidisch bin ich eher auf die Unbedarftheit und Naivität, die hinter diesem Verhalten steht. Dieses routinierte, unreflektierte Verdrängen von Fakten, als wären sie einfach nur verrückte Ideen.

Dann denke ich mir manchmal: Wie schön muss es sein, einfach gedankenlos zu konsumieren... Ganz egal, ob die Folgen afrikanische Länder treffen, oder Tochter Marie. Weil es uns einfach innerlich nicht berührt, solange wir Fakten radikal ausblenden.

Lange habe ich meinen Neid ebenfalls verdrängt. Dann habe ich ein Buch in die Hände bekommen: "Klimagefühle" (hier die Rezension).


In "Klimagefühle" geht es auch um den Neid, den viele Klima-Aktivisten empfinden, angesichts der Unbekümmertheit ihrer Mitmenschen. Da musste ich mir eingestehen: Das Gefühl kenne ich!

Dieser Neid kommt daher, dass ich es anders kenne. Aus meiner eigenen Kindheit.

Damals, als alles gut war und ich noch nichts über Massentierhaltung, Klimakrise und Hungersnöte wusste. Als die Frage, ob es Teewurst oder Marmelade sein soll, einfach nur eine Frage des Geschmacks war.

Ich bin manchmal neidisch - aber trotzdem möchte ich nicht tauschen.

Ich weiß heute, dass die meisten der vermeintlichen "Ignoranten" Angst haben. Angst davor, eine eigene Meinung zu vertreten, auch gegen Widerstände. Angst davor, aufzufallen. All ihren "Be yourself"-Shirts zum Trotz.

Die Angst vor Ausgrenzung im Freundes- und Familienkreis sind der wichtigste Grund, der Menschen davon abhält, vegan zu werden.

Es ist ein Teufelskreis, denn Menschen haben nicht nur Angst vor dem Outing ("Ich möchte nicht, dass für mich Tiere leiden") - sie tragen die Klischees und Vorurteile auch aktiv weiter ("Vegan ist total radikal").

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Wenn wir Fakten rund um unsere Ernährung stets verdrängen, bleiben wir in der Hinsicht Kinder. Das mag manches leicht machen, hat aber auch seine Nachteile.

Es ist bekannt, wozu das führen kann. Nicht nur für Tiere und Umwelt, sondern auch für uns selbst.

Verarbeitetes rotes Fleisch ist krebserregend (Faktencheck).

Krebsstationen sind in unserem Alltag etwa so präsent wie Schlachthöfe: Gar nicht. Man kann das Leid gut verdrängen - außer, man ist selbst betroffen.

Dann gehört der Kackbeutel zur neuen Realität und die Höllenschmerzen zum Alltag. Dann bleibt nur die mäßig tröstende Ausrede, es einfach nicht gewusst zu haben. Obwohl auch das nicht ganz der Wahrheit entspricht: Wir wussten es, haben es aber verdrängt.

Verdrängung ist keine Stärke. Nichts, auf das man wirklich neidisch sein müsste. Der Neid kommt - aber er geht auch wieder. Doch das gute Gefühl, eigenen Werten zu folgen, das bleibt.


Und dann ist es auch okay, mal nach der veganen Schokosoße zu fragen - und im Zweifel Puderzucker zu nehmen.

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Kilian Dreißig
KILIAN DREIßIG
Vegane Lebensweise vereint Klimaschutz, Tierschutz und Lebensqualität. Gute Gründe für mich, diese Vorteile auf Vegpool bekannter zu machen.


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Schlagworte: Kommentare Psychologie vegan
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