Vorurteile gegenüber Veganern: So entstehen unsere Klischees!

Veganer sind radikal, verscheuchen keine Mücken und essen nur handgezogenes, gekeimtes Getreide?
Willkommen in der Welt der Klischees!
Doch wie entstehen negative Klischees und Vorurteile eigentlich? Das erklärt dieser Artikel!
Die 3 Grundlagen von negativen Vorurteilen
Die Entstehung von negativen Vorurteilen über Veganer basiert wahrscheinlich auf mehreren psychologischen Effekten:
- Wir berücksichtigen intuitiv stets die Informationen, die uns vorliegen – denken aber nicht daran, dass es weitere Informationen gibt, die wir nicht kennen. Psychologen nennen es das "WYSIATI"-Prinzip.
- Wir nutzen Prototypen als Beispiele für Menschengruppen - und formen selbst aus einem Minimum an Informationen ein scheinbar kohärentes Bild.
- Negative Signale erhalten deutlich mehr Aufmerksamkeit als positive. Der Effekt wird als "Negativity Bias" bezeichnet.
Das WYSIATI-Prinzip: Fehlende Informationen sind unsichtbar
Der bekannte Psychologe Daniel Kahnemann stellt in seinem Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" das WYSIATI-Prinzip vor. Es steht für "What you see is all there is", übersetzt: "Was du siehst, ist alles, was da ist".
Normalerweise berücksichtigen wir im Alltag die Informationen, die uns bekannt sind. Aber wir machen uns nicht klar, dass es weitere Informationen geben könnte, die uns für eine fundierte Betrachtung fehlen.
So sehen wir z. B. einen radikalen Tierrechts-Aktivisten, der mit einem Megafon Passanten zum Vegan-Umstieg auffordert – und glauben, es handele sich um einen typischen Veganer. Wir hinterfragen aber nicht, ob unser Eindruck wirklich repräsentativ für alle Veganer ist.
Das Prototypen-Phänomen: Einer steht für alle
Wenn wir an Menschengruppen denken, stellen wir uns einzelne Personen vor, die beispielhaft für diese Menschengruppen sind. Man spricht von Prototypen.
Wahrscheinlich werden die wenigsten Leser etwas über die Gruppe der Lacandonen wissen. Doch wenn wir erfahren, dass es eine Gruppe der Maya war, die im Dschungel des heutigen Guatemala lebte, haben wir sofort ein Bild dieser Gruppe im Kopf (und zwar einzelne Personen, nicht hunderte).
Stellen wir uns nun vor, dass die Lacandonen sich ausschließlich blau gekleidet haben, stellt sich wie von selbst ein neues Bild ein. (Wahrscheinlich ist die Information über blaue Kleidung falsch, doch das ändert nichts am Effekt).
Auch wenn uns keinerlei belastbare Informationen über Gruppen von Menschen vorliegen, entwickelt unser Geist offensichtlich blitzschnell ein kohärentes Bild, das wir erst anpassen, wenn uns neue Informationen verfügbar werden.
Je mehr wir über Personen erfahren, desto mehr wird unser Vorurteil durch tatsächliche Erfahrungen ersetzt.
Die Negativitäts-Verzerrung: So wird alles noch düsterer
Angst ist ein evolutionäres Erfolgskonzept. In der Entwicklung der Menschen und ihrer Vorgänger galt das Prinzip: Lieber zehnmal zu oft Angst, als einmal zu wenig.
Unser Weltbild ist deshalb oft düsterer als die Realität. Psychologen sprechen vom "Negativity Bias", also von einer Negativitäts-Verzerrung.
Folgerichtig achten wir eher auf Veganer, die uns Signale von Aggression senden. Sei es, weil sie uns mit einem Megafon beschimpfen, oder weil wir unser eigenes Weltbild bedroht sehen.
Weil uns aggressive Veganer deutlicher auffallen, wird unser anfängliches Klischee durch weitere Erfahrungen verfestigt, die alle negativ sind (auch, wenn sie nicht repräsentativ sind).
Auch freundliche Veganer, die uns einen veganen Burger zum Probieren anbieten, können in uns Angst auslösen, wenn wir den Burger mit dem Verlust von Gewohntem (z. B. Fleischgenuss) verknüpfen.
Was hilft gegen Vegan-Klischees?
Vorurteile entstehen, weil wir sie nicht hinterfragen, weil wir einzelne Beispiele als Prototypen für die gesamte Gruppe der Veganer ansehen, und weil uns negative Beispiele zuerst auffallen.
Was hilft also?
Ein echtes Erfolgsrezept gibt es nicht. Wir alle haben Klischees. Wir kennen die Welt nie im Detail, weil wir niemals alle relevanten Informationen haben können.
So gesehen ist der beste Weg gegen Vorurteile, sich die eigene Anfälligkeit für Denkfehler immer wieder bewusst zu machen – und aufgeschlossen für neue Erfahrungen zu sein. Dazu gehört auch, Andersdenkende nicht nur nach ihren Worten zu beurteilen, sondern zu verstehen, was sie meinen.
Veröffentlichung:
Autor: Kilian Dreißig












