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SO verdrängen wir Tierquälerei im Alltag [6 fiese Strategien]

Wir verdrängen Tierquälerei im Alltag - und das sind unsere 6 psychologischen Verdrängungs-Strategien! Bild: Fotolia.com

Fleisch, Milch und Eier kommen aus Tierquälerei - und wir alle wissen es. Jedenfalls grundsätzlich. Viele von uns sind schockiert über die endlose Folge von Skandalen in der deutschen Tierhaltung. Und doch sind die meisten Menschen selbst daran beteiligt.

Dass wir die Tierquälerei auch in deutschen Tierhaltungen nicht längst abgeschafft haben, liegt daran, wie wir diese Fakten verdrängen, unsere Verantwortung abgeben wollen und uns Ausflüchte suchen.

Nicht etwa weil es keine guten Gründe gäbe, die Tierhaltung in Deutschland radikal zu verkleinern. Eher, weil wir Angst vor dem Unbekannten haben, Angst vor Ausgrenzung, Angst, keine "Männer" mehr zu sein... Weil wir Opfer von hanebüchenen Ideologien geworden sind, die uns letztendlich sogar Kopf und Kragen kosten könnten...

Das hat Methode. Hier stellen wir euch die sechs vielleicht wichtigsten Strategien und Denkmuster vor, mit denen wir Tierquälerei in Deutschland verdrängen.

#1: Distanz: Abstand zur Tierhaltung

Tatsächlich muss man Tierquälerei gar nicht immer aktiv verdrängen. Sie wird bereits für uns verdrängt. Sie findet hinter hohen Mauern und Stacheldraht statt. Viele Mäster rüsten ihre Anlagen längst mit Alarmanlagen und Videokameras aus - aus Angst, dass Undercover-Ermittlungen das Leid der Tiere dokumentieren und ans Licht der Öffentlichkeit bringen könnten.

Transparenz gibt es nur in der Werbung. Glaubt ihr nicht? Dann fragt doch einmal nach einem spontanen Besuchstermin in der nächsten Schweinemast!

Distanz findet ihr in allen Bereichen der Tierhaltung. Wann wart ihr das letzte mal in einer Kükenbrüterei? In einer Ferkelzucht? Wann habt ihr das letzte mal in einen Tiertransporter geschaut, der Ferkel zur Mast transportiert, und die gemästeten Schweine zum Schlachthof?

Wann habt ihr einer Kastration, dem Abschleifen der Eckzähne bei Schweinen, oder der Enthornung von Kälbchen beigewohnt?

Es ist einfach ganz weit weg. So weit, dass wir zwar gut unsere Meinungen rund um die Notwendigkeit der Tierhaltung kundgeben können - aber eigentlich keinen Plan haben. Und was wir nicht wissen, müssen wir gar nicht erst verdrängen!

Dass Tierhaltung für uns so abstrakt geworden ist, zeigt sich immer wieder, wenn Menschen doch mal genauer hinsehen. In Filmen wie "Earthlings" oder "Dominion" erfahren sie, wie Tierhaltung wirklich abläuft. Dieses Aha-Erlebnis ist für viele der reinste Schock. Wirklich nur etwas für Menschen, die nicht länger verdrängen - und Verantwortung übernehmen - wollen.

#2: Gefakte Kontrollen und abgeschobene Verantwortung

In jedem Schlachthof müssen Veterinäre vor Ort sein. Veterinäre sind eigentlich Tierärzte. Und bei Tierärzten denkt man, sie würden verängstigten, hustenden Ferkeln Lutschbonbons geben und sie in warme Decken hüllen.

Die wichtigste Aufgabe der Tierärzte im Schlachthof ist natürlich die Fleischbeschau. Damit nicht zu viel eitriges Geschwür in der Wurst landet. Tierschutz steht auch auf der Liste. Wie es damit bestellt ist, zeigen Undercover-Ermittlungen aus Schlachthöfen seit Jahren. Elektroschocker, Tritte gegen den Kopf, halbbetäubte Rinder und erstickende Schweine sind Alltag.

Seit Jahren sagen Amtsveterinäre in Fachkreisen, dass "ein gewisses Leid" in der Fleischproduktion "unvermeidbar" sei. Da kann man als Bulle schon mal mehrere Minuten bei Bewusstsein am Haken hängen, mit mehreren Bolzen im Kopf und während einem bereits die Ohren und Füße abgeschnitten werden. (Genau diese Szene habe ich vor ca. 15 Jahren in einem süddeutschen Schlachthof dokumentiert).

Verbraucherinnen und Verbraucher denken aber: Veterinäre vor Ort? dann ist ja alles im Griff! Da kann man beherzt zugreifen.
Sie könnten es besser wissen, doch die Verdrängung fällt leichter, wenn man die Verantwortung (vermeintlich) abschieben kann.

Wegsehen ist zwar Verdrängung, doch die Verantwortung bleibt.

#3: Fake-Siegel, ignorierte Gesetze und Propaganda mit staatlicher Rückendeckung

Ohne die großzügige staatliche Unterstützung wäre die Agrarindustrie nicht das, was sie heute ist.

Doch hier soll es mal nicht um die Steuergelder gehen, die jährlich in schwindelerregender Milliardenhöhe an landwirtschaftliche Großbetriebe fließen - sondern um die (un)moralische und strukturelle Rückendeckung vom Staat.

Zum Beispiel darum, dass staatliche Institutionen aktuell bestrebt sind, ein "Tierwohl"-Label einzuführen, das seinen Namen von vornherein nicht verdient hat. Das sogar genau das fördern wird, was es bekämpfen sollte: Tierquälerei.

Ein Staat, der keine Tierquälerei dulden möchte, kann sie verbieten. Er kann Behörden mit Personal ausstatten und dieses schulen. Er kann festlegen, dass Behörden nicht die Betriebe in der Nachbarschaft kontrollieren (wo man sich vom Stammtisch kennt), sondern fremde.

Und was tut er? Der deutsche Staat bürgt gewissermaßen mit seinem guten Namen für Betriebe, die er gar nicht kontrollieren kann. Das hat bisher nicht geklappt und ein Tierwohl-Siegel wird daran nichts ändern. Wie sollte es auch?

Ein staatliches Tierwohl-Label ist ein leeres Versprechen mit Anlauf. Finanziert wird dieses Tierwohl-Label - natürlich - aus Steuergeldern.

Ganz ähnlich ist es mit dem deutschen Tierschutzgesetz.

Deutsches Tierschutzrecht ist auf dem Papier vorhanden, doch beim Vollzug mangelt es an allen Ecken und Enden. Allenfalls bei privater Tierhaltung gibt's mal eine härtere Strafe.

Doch auch Mäster, die Tieren über Jahre hinweg schlimmste Qualen zufügen, kommen in der Regel mit einer Geldstrafe davon - und dürfen oft sogar weiter Tiere halten. Die Aufdeckung von Tierschutzverstößen geht dabei meist auf Tierschützerinnen und Tierschützer zurück.

Ein Tierschutzgesetz, das in der Praxis nicht vollzogen wird, fördert kriminelle Strukturen und damit Tierquälerei. Es dient als weiteres Feigenblatt für alle Konsumentinnen und Konsumenten, die lieber nicht genauer hinsehen möchten. "Es gibt ja ein Tierschutzgesetz!", lautet ihre Ausrede.

Eine Untersuchung hat gezeigt, dass deutsche Tierhaltungs-Betriebe im Zeitraum 2009 bis 2017 statistisch alle 17 Jahre vom Amtsveterinär besucht werden - im besten Fall! In Bayern lag der Durchschnitt sogar bei über 48 Jahren. Ganze Generationen von Tierquälern bleiben so unbehelligt.

Mit anderen Worten: Der Staat kann gar nicht wissen, ob Tiere gequält werden, Er kann dementsprechend auch keine Garantien ausstellen und Tierschutzverstöße auch nicht wirksam (und abschreckend) bestrafen.

Warum also der ganze Schein-Aufwand?

Es gibt nur eine logische Antwort: Weil die Agrar-Industrie nach wie vor ihre Einflüsse geltend macht - und staatliche Behörden dazu bringt, Bürgerinnen und Bürger zu belügen. Die dann arglos - und mit (blindem) Vertrauen in ihren Staat - Tierprodukte aus Tierquälerei kaufen.

#4: Denkblockaden: Gar nicht erst drüber nachdenken

Dass Tierquälerei in deutschen Tierhaltungen an der Tagesordnung steht, ist gar nicht schwer nachzuvollziehen. Schon die Haltungsformen an sich, die schiere Zahl der Tiere, der Kannibalismus, die Seuchengefahr...

Es ist wie Malen nach Zahlen: Eigentlich muss man nur irgendwo anfangen und dann genauer nachforschen. Drüber nachdenken!

Tut nur kaum jemand. Veganerinnen und Veganer werden es kennen. Da sind intelligente Fleischesser und Vegetarier. Man unterhält sich über dies und jenes - und landet irgendwann bei der Tierhaltung. Und plötzlich werden aus intelligenten Menschen Leute, die nur noch unlogischen Unsinn schwafeln...

Die unterbewusste Strategie ist klar: Wer nicht genauer hinsieht, wird weniger verstört sein. Wenn du nicht wissen willst, wie es wirklich zugeht, dann lass dich auch nicht auf Diskussionen darüber ein...

#5: Marketing: Die schöne heile Welt

Über Trügerei in der Werbung muss man nicht viele Worte verlieren. Alle wissen ja, dass Kühe nicht lila sind und dass sich Schweine nicht selbst grinsend die Gliedmaßen abschneiden.

Was allerdings nicht daran ändert, dass Menschen doch darauf reagieren. Werbung wirkt durchaus auch bei Menschen, die sich für informiert und kritisch halten (also im Grunde bei fast allen Menschen). Haben sozialpsychologische Untersuchungen immer wieder gezeigt.

Wir ahnen vielleicht, dass Käse aus "Nordseemilch" nicht von Kühen stammt, die ständig auf der Wiese standen. Aber schon der Dialekt, die gesunde Landschaft und einfach das ländliche, urtümliche Setting gibt uns das Gefühl, dass es sooo falsch nicht sein kann.

Bei der Werbung für Tierprodukte wollen Konsumentinnen und Konsumenten auch daran glauben. Denn wer den Versprechungen der Hersteller glaubt, kann seine Verantwortung abgeben und sein Gewissen entlasten. Fliegt wieder ein Skandal auf, heißt es, man wäre halt belogen worden. Hat man ja nicht wissen können.

Doch, hätte man.

#6: Gruppenzwang und Zweckpragmatismus

Wenn man Menschen befragt, was sie davon abhält, vegan zu leben, dann steht eine Sorge ganz weit vorne: Die Angst, im Freundeskreis abgelehnt zu werden. Viele Fleischesser essen Fleisch aus purem Gehorsam gegenüber sozialen Normen, die längst hinterfragt werden sollten.

Fleisch ist nicht nur ein normales Lebensmittel, sondern ein Symbol. Es steht für alles mögliche, darunter "Männlichkeit". Viele Menschen definieren sich über ihren Fleischkonsum. Ganz egal, ob das Tier selbst erlegt wurde, oder aus dem Billig-Discounter stammte und voll mit Wasser und Medikamenten ist. (Die Urmenschen, auf die sich alle beziehen, würden es sicherlich angeekelt ablehnen).

Die Angst vor sozialen Ausschluss führt zu Zweckpragmatismus. Zu Ausflüchten. "Wenn Tiere könnten, würden sie uns ja auch essen". "Wir brauchen Fleisch wegen der... ähm... Ballaststoffe". "Die Chinesen essen aber auch Fleisch"...

Dass die Tierindustrie die grausamsten Haltungsformen hervorgebracht habt, die es jemals gegeben hat - und dass dies keineswegs schon immer so war und absolut änderbar ist - völlig egal. Es geht hier ja nicht um sachliche Argumente, sondern um Ausreden. Um Ausflüchte. Um Verdrängung.


Welche der genannten Strategien der Verdrängung kommt euch selbst am bekanntesten vor? Welche weiteren Muster der Verdrängung kennt ihr? Diskutiert mit im Forum. Den Link zum Diskussionsbeitrag findet ihr unten!

Veröffentlichung:

Diskutiere im Vegan-Forum mit:
Tierquälereien und die 6 Strategien der Verdrängung...
Letzter Beitrag: 29.09.2022, von METTA.

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AUTOR: KILIAN DREIßIG
Vegane Lebensweise vereint Klimaschutz, Tierschutz und Lebensqualität. Gründe genug, mich als Journalist damit zu beschäftigen.

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