Schafhaltung für Deich- und Landschaftspflege?

Erstellt 18.04.2018, von HeinStein. Kategorie: Tierschutz & Tierrechte. 19 Antworten.

Schafhaltung für Deich- und Landschaftspflege?
18.04.2018
Hallo liebe Community,
Ersteinmal ein paar Worte zu mir: Ich bin 20 Jahre alt. Ich ernähre mich überwiegend vegan, nur bei den Produkten die bei mir zuhause auf dem Hof erzeugt werden mache ich mal Ausnahmen (Eier, Schaffleisch, Ziegenfleisch und Huhn). Ich studiere im 3 Semester ökologische Landwirtschaft und mein Vater betreibt eine Schäferei. Wir haben momentan ca. 70 Ziegen und 1300 Heidschnucken. Wir pflegen Deiche zum Hochwasserschutz und pflegen Biotope wie z.B. Heiden, Moore und Magerrasen.


Meine Frage ist nun, wenn diese Arbeit nur von Tieren erfüllt werden kann ist es dann ethisch gesehen vertretbar Tiere zu nutzen?
Ich bin der Meinung ja, aber ich würde das ganze gerne mal aus neuen Blickwinkeln betrachten.
Danke schonmal!
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18.04.2018
Wie sieht denn das Leben von so einem Schaf oder so einer Ziege aus? Und wie genau werden die Tiere genutzt? Und was würde passieren, wenn man die Tiere nicht nutzen würde? Gibt es wirklich keine Alternativen?


So auf Anhieb würde ich sagen, dass ein Schaf, dessen einzige Aufgabe darin besteht, auf Deichen rumzutrampeln und zu futtern, ein ganz angenehmes Leben haben könnte. Zweifel kommen dann aber in Bezug auf die Winterhaltung und -fütterung auf und zur Schur.

Außer Frage steht für mich, dass es nicht okay ist, Tiere zwecks Lebensmittelproduktion zu nutzen. Gibt es bei Schafen und Ziegen auch das Problem, dass zuviele männliche Tiere in der Herde nicht funktionieren?
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18.04.2018
Wir haben eine Hüteherde bestehend aus den 70 Ziegen und 250-300 Schafen. Diese stehen in der Nacht auf einer weitläufigen, mit Elektrozäunen abgegrenzten, Koppel. Dann werden sie 8 Stunden auf z.B. Heideflächen gehütet. Die Tiere sorgen so dafür, das unerwünschter Bewuchs zurückgedrängt wird und die Heide und andere Arten verjüngt werden. Sie tragen durch ihr Fell Samen weiter und sorgen so für dichteren Bewuchs durch Heide. Außerdem zertreten sie so Spinnennetze, was es für Bienen leichter und ungefährlicher macht alles zu bestäuben.
Das alles könnte leider nie so selektiv und effizient durch menschliche Arbeit getan werden.


Bei den Deichen ist es so das man sie mit Maschinen bearbeiten kann. Auf Dauer wird der Deich dadurch aber instabil und die Grasnarbe ist nicht so Dicht und fest. Das führt bei Hochwasser zu Risiken. Zudem würden massenweise fossile Brennstoffe für die Pflege eingesetzt werden, was ja auch nicht wirklich schön ist.


Im Winter sind die Tiere meist auch auf Weiden. Die Muttern die in der Zeit ihre Lämmer bekommen sind in einem Stall der zu einer Seite offen ist und sie stehen auf Heueinstreu. Dort bekommen sie Heu,Kartoffeln,Rüben,Pastinaken,Rotebeete und Erbsenschrot zu fressen.
Die frisch geborenen werden erstmal mit der Mutter einzeln gestellt, damit sie sich aneinander gewöhnen und später in der Herde wieder finden. Dann kommen sich in größere Gruppen und wenn die Lämmer ca. 2 Wochen alt sind kommen sie schon raus.
Wir scheren die Tiere alle selbst weil uns die Berufsscherer die Tiere zu oft geschnitten haben.
Die Böcke sind seperat von den anderen. Sie werden bei uns 2-4 Jahre alt. Die Muttern wesentlich älter so 6-8 Jahre.
1x bearbeitet

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19.04.2018
Für mich stellt sich eher die Frage, warum der Mensch in Überflutungsgebiete baut,Flüsse begradigt,direkt am Meer wohnt, dann Deiche errichtet um sie dann Aufwendig zu Pflegen und Instandhalten zu müssen.
Und manchmal frage ich mich auch: gäbe es den Menschen nicht und die Natur dürfte so sein wie sie ist, wie würde z.B.die Heidelandschaft aussehen, also braucht die Natur den Eingriff des Menschen???? Bestimmt nicht,dann wächst eben einiges zu und an anderer Stelle entsteht durch Brand und Sturm wieder eine freie Fläche,an der dann z.B. Heide wächst.
Ihr seid sicherlich eine der wenigen,bei denen die Tiere ein relativ gutes Leben haben, bei unserem Schäfer ist es ein bisschen anders,die Lämmer dürfen einen Sommer alt werden,dann ist Schluß.Egal wie man es dreht und etwas gutes an der Sache zu suchen versucht,am Ende wird jedes "Nutztier" geschlachtet.
1x bearbeitet

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19.04.2018
Hallo HeinStein,

Zitat HeinStein:Meine Frage ist nun, wenn diese Arbeit nur von Tieren erfüllt werden kann ist es dann ethisch gesehen vertretbar Tiere zu nutzen?

Die ethische Situation ist hier eindeutig:
Zitat Bentham & Mill, Utilitarismus:Mit dem Prinzip des Nutzens ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht […] Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft an einem Objekt gemeint, wodurch es dazu neigt, Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück zu schaffen.


Zitat Singer, Praktische Ethik:Gleichheit [bedeutet] nicht, alle gleich zu behandeln, sondern alle Interessen gleich zu berücksichtigen. Eine Berücksichtigung der Spezies bei der Interessenabwägung ist unberechtigt. Entscheidend ist nicht, ob ein Wesen zur Spezies Mensch gehört, sondern welche Interessen es besitzt.

Der Gleichheitsgrundsatz Singer's wird u.a. durch den Umstand bekräftigt, dass die Gesellschaft auch bestimmten Menschengruppen (z.B. Säuglingen und Dementen) einen vollwertigen moralischen Status zugesteht, welche über geringere Fähigkeiten (v.a. kognitiv und emotional) verfügen wie nicht menschliche Tiere.


Ethisch ist eine Nutzung von Tieren also möglich, wenn u.a. folgende Kriterien erfüllt werden:
- Jede Nutzung und Behandlung nicht menschlicher Tiere wäre in gleichem Maße auch mit menschlichen Tieren möglich und berücksichtigt ethische Grundwerte, sowie die Interessen (u.a. z.B. Interesse an körperlicher Unversehrtheit) der betroffenen Individuen (Gleichheitsgrundsatz, Singer)

- Jede Nutzung und Behandlung nicht menschlicher Tiere könnte zu einem, speziesunabhängigen, allgemeinen Gesetz formuliert werden (Kategorischer Imperativ, Immanuel Kant)

- Jede Nutzung nicht menschlicher Tiere erfolgt zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel (Selbstzweckformel, Immanuel Kant)

- Jede geplante Nutzung und Behandlung nicht menschlicher Tiere wäre an jedem Lebewesen (Freunde, Familie, Selbst) vertretbar (Schleier des Nichtwissens, John Rawls)


In diesem konkreten Fall würde das bedeuten:
Wäre es ethisch vertretbar männliche Menschen zwischen ihrem 15. und. 31 Lebensjahr[*1] zu töten, weil sie keinen wirtschaftlichen Mehrwert mehr generieren, bzw. ein Ableben zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlichen Mehrwert generieren würde?

Die ethische Antwort hierauf dürfte entsprechend eindeutig sein :thumbup:

Prinzipiell ist jedes unnatürliche Ableben aufgrund wirtschaftlicher (bzw. u.a. auch egozentrischer oder klassifizierender) Faktoren gegen die Interessen des betroffenen Individuums unethisch.

Anders sähe die Situation natürlich aus, wenn die Tiere ihre normale Lebenserwartung erreichen und eines natürlichen Todes sterben. An dieser Stelle würde man wohl auch weniger von "Nutzung", als von "Symbiose" reden.
Hier wäre dann aus ethischer Sicht nur noch die Frage zu klären ob und wenn ja in wie weit die Freiheit von Lebewesen eingeschränkt werden darf, wenn im Austausch körperliche Unversehrtheit gewährleistet werden kann ;)

Liebe Grüße,
Falk

[*1] Durchschnittliche Lebenserwartung Bock: mindestens. 10 Jahre
Durchschnittliche Lebenserwartung Mann: 77 Jahre
2 - 4 Jahre entsprechen beim Bock 20%, bzw. 40% der Lebenserwartung
Beim männlichen Menschen entspricht dies ca. dem 15 bis 31 Lebensjahr

8x bearbeitet

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19.04.2018
Hallo Kerstin,
Wenn man die Natur wieder sich selbst überlässt gibt es in Deutschland überall Wald, da dies die Klimaxvegetation ist. Man muss sich dann die Frage stellen ob man das möchte oder ob man die Heiden etc. pflegt und erhält weil sie die Artenreichsten Biotope sind die wir in Deutschland haben.
Es würden ,so schätze ich das ein, 80% der Artenvielfalt verloren gehen.
LG Heiner


Hallo Nefasu,
Vielen Dank das du dir so viel Arbeit gemacht hast!
Aus diesen Perspektiven habe ich das Ganze noch nie betrachtet und werde mich damit auch noch eingehender beschäftigen.
Das Schlachten der Tiere aus wirtschaftlichen Gründen ist aus deiner Sicht also nicht vertretbar ?
Was ich sehr gut nachvollziehen kann, denn wenn man sieht wie die Tiere geboren werden und groß werden, wie viel Spaß sie haben und wie viel Lebensfreude in ihnen steckt, ist es für mich sehr schwer zu sehen wie ihr Leben frühzeitig beendet wird. ( Wir schlachten selbst in einer kleinen Schlachterei in der Nähe)

Für mich als Schäfer gibt es da natürlich abgesehen von der ethischen Perspektive nach der ich gefragt hatte noch einige andere die dem entgegen stehen.


Vielen Dank nochmal!
LG Heiner
2x bearbeitet

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19.04.2018
Hallo Heiner,

Zitat HeinStein:Das Schlachten der Tiere aus wirtschaftlichen Gründen ist aus deiner Sicht also nicht vertretbar ?

Ich persönlich halte das töten von Lebewesen im Allgemeinen für nicht vertretbar, solange de eigenen Existenz nicht bedroht ist.

Allerdings war dies nicht Teil der Aussage, da eine ethische Betrachtungsweise stets möglichst unabhängig subjektiver Eindrücke oder Überzeugungen sein sollte.
Ob eine Handlungsweise wiederum moralisch, oder gar gesellschaftlich, vertretbar ist steht wiederum auf einem anderen Blatt.


Ist es ethisch vertretbar sich unter freiem Himmel zu bewegen und dabei unzählige Lebewesen (Insekten) zu töten?
Wahrscheinlich nicht. - Für ein Leben auf diesem Planeten ist es aber unablässig.
Die Frage ist immer wie sehr man auf eigennützige Annehmlichkeiten zu verzichten bereit ist, um ethischen Prinzipien möglichst gerecht zu werden.

Während einer bei jedem Schritt vor sich fegt, um möglichst kein Insekt zu zertreten spekuliert ein anderer an den Finanzzentren dieser Welt mit Lebensmitteln und begeht, zur eigenen materiellen Bereicherung, digitalen Massenmord :|

Die meisten von uns befinden sich wohl irgendwo dazwischen und müssen, jeder für sich, entscheiden wieviel ihre eigene Überzeugung an ethische Prinzipien für sie gilt und wie weit sie ihren geistigen Reichtum, also u.a. ihr urmenschliches Mitgefühl für alles Lebendige, für weltliche Dinge einzutauschen gewillt sind :thumbup:


Ethik ist für mich wie der Polarstern am Horizont:
Ich werde ihn wohl niemals erreichen können, aber solange ich ihn am Himmelszelt wiederfinde leitet er mich, auch wenn ich ihn gelegentlich aus den Augen verliere oder manchmal wissentlich einen anderen Kurs einschlage.

Liebe Grüße,
Falk
3x bearbeitet

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20.04.2018
Hallo Kerstin,
Wenn man die Natur wieder sich selbst überlässt gibt es in Deutschland überall Wald, da dies die Klimaxvegetation ist. Man muss sich dann die Frage stellen ob man das möchte oder ob man die Heiden etc. pflegt und erhält weil sie die Artenreichsten Biotope sind die wir in Deutschland haben.
Es würden ,so schätze ich das ein, 80% der Artenvielfalt verloren gehen.
LG Heiner

Deswegen sagte ich ja, was wäre wenn es den Menschen nicht gäbe. Aber das wäre dann halt der Verlauf der Natur, dann wäre hier eben überall Wald und viele Arten die jetzt hier leben gehören vielleicht garnicht hier her.
Naja, wenn,hätte,aber,vielleicht ;)
Aber Falk hat recht, aus ethischer Sicht wäre es besser, wenn die Schafe in einer Symbiose mit dem Menschen leben und eines natürlichen Totes sterben könnten.
1x bearbeitet

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20.04.2018
Hallo zusammen
(Bin neu hier und stelle mich später noch vor, finde das Thema aber spannend und gebe direkt mal meinen Senf dazu :D )

Man darf auch nicht vergessen, dass den Schafen ohne diese starke Überzüchtung kein so dickes Fell wachsen würde. Ob am Deich oder in Hügellandschaften, habe ich schon öfters Schafe beobachtet. Gerade wenn es sehr heiß ist, ist es für die Tiere unerträglich. Dazu kommt, dass meistens für so viele Tiere Unterstände fehlen. Eben dann, wenn sie offene Grünflächen abgrasen und weiterziehen. Einige Tiere schaffen es nicht einmal, wenn sie versehentlich am Rücken liegen, wieder hoch zu kommen. Wegen der dicken Wolle. Auch mit Wasser durchtränktes Fell ist eine große Last. Wie bekommt man außerdem so viel (Trink)Wasser auf einen Deich oder mitten in die Heide? Wie sieht die Haltung im Winter aus? Ställe? Wird da jeden Tag gemistet? Stichwort Klauenfäule, Ammoniak u.s.w.. Fällt es bei ~1370 Tieren wirklich auf, wenn eins krank ist? Alleine das alles reicht für mich schon aus, um die Haltung und Zucht abzulehnen.
Wie ihr das handhabt und mit den Tieren umgeht weiß ich natürlich nicht und möchte niemandem etwas unterstellen. Aber dass sind meine Beobachtungen. Auch im Hochsommer hatten die Wolle ohne Ende zu schleppen.
Obendrauf kommt das Scheren, Aussortieren und Schlachten.


Effektiver und nachhaltiger wäre es eine natürlichere Form des Schafes in Heiden anzusiedeln welche dann wild leben. Mit Geburtenkontrolle. Wäre zwar auch wieder ein Eingriff, aber ein tierfreundlicherer. Wenn man den dann zwingend Schafe benötigt.


Warum müssen Deiche überhaupt kurz gegrast werden? Wäre langes Gras schlimm? Interessiert mich mal :) .

Viele liebe Grüße :)
1x bearbeitet

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21.04.2018
Hallo Spock,
für Schleswig_Holstein gibt es seit 2014 eine Handreichung des Runden Tisches „Tierschutz in der Nutztierhaltung“ (als PDF zum download) einfach googlen oder besser per ixquick...

Darin sind etliche Antworten enthalten. Leider nicht, weshalb Deiche von Schafen beweidet werden. Soweit ich das erinnere hat es mit dem Druck der Hufe zu tun, der die Deiche verdichten soll - ohne Gewähr.
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