In meinem eher grün-linken Umfeld sieht in Richtung Konservatismus schnell alles "gleichmäßig rechts" aus, ohne Unterscheidungen.
Angst vor Ausländern? Rechtsextrem! Angst vor Impfung? Rechtsextrem! Querdenker? Rechtsextrem!
Man muss nur sagen, dass die Nachrichten von Ausländern, die junge Frauen vergewaltigen, einem Angst machen (und was bitte ist an den Boulevard-Nachrichten nicht verängstigend?), und schon ist man "rechts".
Ich gebe zu, dass ich damals eine Userin im Forum ebenfalls angepampt hatte, die schrieb, dass ihr sowas Sorgen macht. Ich habe es für politische Stimmungsmache gehalten. Aus meiner Sicht war klar, dass die Springer-Medien mal wieder Cherry-Picking betrieben haben, weil deutsche Vergewaltiger nicht mehr genug Reichweite bringen ...
Heute hätte ich es wohl anders gemacht. Ich war der Meinung, dass sie das hätte wissen müssen und dass sie absichtlich bösartig ist.
Was, wenn einem sowas wirklich Angst macht? Reicht es aus, zu sagen, "stell dich nicht so an, schau dir doch die Statistiken mal an, du Rechtsextremist..."?
Diese Stempel-Methode finde ich schlimm und verstehe teilweise Leute, die den Linken vorwerfen, übertrieben "woke" zu sein (obwohl "woke" eigentlich für etwas Gutes steht, nämlich Wachsamkeit gegenüber Ungerechtigkeit).
Diese gespenstischen Demos, wo Konservative, Hippies, Esoteriker und Rechtsextreme zusammen gegen (aus meiner Sicht eingebildete) Verbote und Zwänge marschiert sind, während Menschen starben, waren vielleicht ein Grund, warum ich nach einer wissenschaftlich begründeten Erklärung gesucht hatte, warum Menschen so handeln.
Früher habe ich die Leute für hirnlose Rechtsextreme gehalten.
Heute bin ich sicher, dass ein Großteil dieser vermeintlichen "Zombi-Demonstranten"
nicht rechtsextrem ist, sondern normal konservativ und verängstigt und wütend (ein Teil war sicher rechtsextrem!).
Dazu kommt eine normale Prise menschlicher Verrücktheit, Schrulligkeit und vielleicht auch Mangel an Bildung oder schlicht Dummheit. Eine durchgehende Meinung gab es jedenfalls erkennbar nicht.
Rechtsextremen haben offensichtlich weniger Berührungsängste und bieten einen Resonanzboden für diese Gefühle der "Unverstandenen". Das führt dazu, dass sich die Leute dort besser verstanden fühlen und dann weniger Abgrenzung nach Scharfrechts haben. "Sind ja doch ganz vernünftige Leute, die verstehen mich immerhin". Also eine gelungene Strategie der Rechten, um sich als Volksversteher zu etablieren.
Was die Verschwörungsideologien betrifft: Auch dafür gibt es Erklärungen, aber das geht zu weit. Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass wir einfach nicht Herr/Frau im eigenen Haus sind (die 3. Kränkung der Menschheit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kr%C3%A4nkungen_der_Menschheit ).
Wir sind einfach alle mehr oder weniger verängstigt und überfordert. Aber die Rechten schimpfen auf die Angstbilder der Linken (Klimawandel!) und die Linken auf die Angstbilder der Rechten (Überfremdung!) und am Ende sind alle frustriert und würden den "anderen" lieber gründlich den Kopf waschen, statt sich mal zusammenzusetzen und zu zeigen, dass man soooo bösartig gar nicht ist.
(Dass manche Ängste einen realistischeren Kern haben als andere, ist klar, aber das ist ein anderes Thema).
Am meisten profitieren wir vom respektvollen Austausch mit Andersgesinnten, sofern es gelingt, eine emotional tragfähige Ebene zu finden und echte Anerkennung mitzubringen (für den Menschen, nicht zwingend für seine Weltsicht).
Wenn es uns aber gar nicht interessiert, und wir nur darauf beharren, auf der "guten Seite" zu sein (das sind Rechte und Konservative ihrer Meinung nach übrigens auch), werden wir nicht klüger und irren uns sehr wahrscheinlich weiterhin.